Weltbeweger https://weltbeweger.uni-erfurt.de Eine Kampagne der Universität Erfurt Wed, 18 Dec 2019 12:39:55 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.7.4 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/wp-content/uploads/2019/08/3217Logo_Uni_hellgrau.png Weltbeweger https://weltbeweger.uni-erfurt.de 32 32 „Ich würde zu gern über die gemeinsamen Ängste sprechen!“ Medine Yilmaz engagiert sich für kulturelle Vielfalt und die Gleichberechtigung von Frauen https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/12/11/weltbewerger-medine-yilmaz/ Wed, 11 Dec 2019 10:24:18 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=1069 An einer Hochschule ist man das Zuhören gewöhnt. Trotzdem muss man schon sehr genau lauschen, wenn Medine Yilmaz erzählt. Denn die junge Frau spricht schnell und ist es gewöhnt, möglichst viel Inhalt in möglichst kurzer Zeit zu transportieren. Kein Wunder,... Weiterlesen →

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An einer Hochschule ist man das Zuhören gewöhnt. Trotzdem muss man schon sehr genau lauschen, wenn Medine Yilmaz erzählt. Denn die junge Frau spricht schnell und ist es gewöhnt, möglichst viel Inhalt in möglichst kurzer Zeit zu transportieren. Kein Wunder, denn als Konferenzdolmetscherin ist ihre Fähigkeit zum flinken und agilen kommunizieren ihr Kapital. Doch es lohnt sich, nahe bei ihren Worten zu bleiben, denn die Absolventin der Staatswissenschaften an der Universität Erfurt hat allerhand zu erzählen. Nicht nur von ihrem Beruf, der sie regelmäßig in die Welt verschlägt. Auch von ihrem politischen wie gesellschaftlichen Engagement, mit dem sie sich für den Dialog mit Geflüchteten sowie für die Rechte von Frauen im Nahen Osten einsetzt.

Wo fängt man also an zu erzählen, wenn man Yilmaz‘ flottem Takt sowohl in der Sprache als auch im Leben gerecht werden will? Am besten am Anfang: Medine Yilmaz wird 1982 in Berlin als Tochter kurdischer Eltern geboren. In der Hauptstadt macht sie zunächst eine Ausbildung zur Bürokauffrau, danach eine Dolmetscherlehre. „Als es sprachlich dann ‚Klick‘ gemacht hat, wollte ich mehr erreichen im Leben.“ Zu diesem Zweck holt sie erst das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Danach kommt sie 2011 nach Erfurt, um hier das Studium der Staatswissenschaften aufzunehmen. Ihr Ziel: sich wissenschaftliches Hintergrundwissen aneignen für ihre Tätigkeit als türkisch-deutsche Dolmetscherin, in der Yilmaz auch studienbegleitend tätig ist.

„Ich fand Erfurt sehr schön“, erinnert sie sich an ihre Anfänge in der Thüringer Landeshauptstadt. „Aber Erfurt war nicht bunt. Erfurt war nicht vielfältig.“ Diese Leerstelle versucht die Kurdin zum einen durch politisches Engagement zu schließen. 2013 tritt sie dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bei. Von 2014 bis 2016 wird sie sogar Kreisvorsitzende in Erfurt. Doch als Vorsitzende erschöpft sich ihre Arbeit vorwiegend in bürokratischen Verwaltungsaufgaben. Am politischen Diskurs hingegen hat Yilmaz wenig Anteil. Um das zu ändern, wird sie zusätzlich ‚auf eigene Faust aktiv‘: Ehrenamtlich zieht sie durch sämtliche Thüringer Landkreise sowie kreisfreien Städte und bietet in Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen Vorträge zum Thema Islam an.

„Vielen Menschen fehlen der Kontakt und das Hintergrundwissen. Viele können gar nicht die Frage stellen, die sie gern stellen wollen. Deswegen wollte ich diese Möglichkeit geben,diesen Raum schaffen.“

Medine Yilmaz

„Zu den Veranstaltungen kamen kritische Leute, aber natürlich auch interessierte“, erinnert sie sich. „Das war für mich ein spannender Austausch, weil man dabei nicht nur über den Islam spricht, sondern über Migration und kulturelle Vielfalt insgesamt. Aber auch, weil man vielleicht überhaupt eine erste Begegnung schafft mit Menschen, die noch nie die Möglichkeit hatten, einen Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen.“ Eben jene Begegnungen sind es, die für Yilmaz ein so großes Gewicht haben, denn: „Vielen Menschen fehlen der Kontakt und das Hintergrundwissen. Viele können gar nicht die Frage stellen, die sie gern stellen wollen. Deswegen wollte ich diese Möglichkeit geben, diesen Raum schaffen.“

Raum für ihre Arbeit findet die Alumna der Uni Erfurt von 2016 bis 2018 auch im Thüringer Ministerium für Migration, Justiz und Verbraucherschutz. Dort wirkt sie als Ehrenamtskoordinatorin und entwickelt mit Kolleginnen und Kollegen das Ehrenamtsbuch „Aktiv für Geflüchtete“, ein Leitfaden für ehrenamtliche Arbeit im Kontext der Migrationsbewegung. Dabei zehrt die gebürtige Berlinerin auch von ihren persönlichen Netzwerken: „Ich habe über ein sehr großes Netzwerk verfügt – schon vorher – und habe versucht, alle Anlaufstellen Thüringens zu komprimieren. Das war mein Schwerpunkt in diesem Buch“, resümiert sie. Aber auch über den Leitfaden hinaus macht Yilmaz ihre Netzwerke für geflüchtete Menschen im Freistaat nutzbar: Sie versucht Ärzte mit Migrations- und insbesondere Fluchthintergrund zu vernetzen, vermittelt Praktika beim Mitteldeutschen Rundfunk, gibt Einblicke in Berufswelten und hofft, damit wirtschaftlich wie sozial langfristige Perspektiven im neuen Heimatland zu eröffnen.

Dass sie jedoch nur zeitweise im Ministerium bleiben würde, stand für Medine Yilmaz von vornherein fest. Von ihrem Beruf als Konferenzdolmetscherin, in dem heute sie vorrangig im Auftrag der Bundesregierung arbeitet, wollte sie nur eine kurze Auszeit nehmen, „denn beides zusammen wäre zu viel gewesen.“ Doch als 2015 die Migrationswelle über Deutschland zusammenbrach, schätzten Expertinnen und Experten, dass es mindesten zwei oder drei Jahre dauern würde, bis die Folgen des gesellschaftlichen Wandels ihre volle Wirkung entfalteten. „In dieser schwierigen Zeit, in der sich Thüringen und Deutschland zu jener Zeit befand, wollte ich das meinige geben.“ Den Umgang des Freistaates mit der globalen Fluchtbewegung sieht sie indes kritisch: „Ich finde es sehr gut, dass wir eine rot-rot-grüne Regierung hatten, als die Geflüchteten gekommen sind“, urteilt sie. Trotzdem kritisiert sie, dass Thüringen eine tatsächliche Integration der Geflüchteten versäumt habe – auch, indem z. B. Posten in den Ministerien, der Verwaltung, dem Job-Center oder sogar in der Ausländerbehörde maximal mit „Alibi-Migranten“ besetzt seien.

Dass ein tatsächlicher interkultureller Austausch fehlt, war auch bei den jüngsten Thüringer Landtagswahlen zu erkennen: 23,4 % für die AfD. „Ich habe zum ersten Mal nach einem Wahlergebnis geweint“, erzählt Yilmaz offen. „Und ich hatte Angst.“ Ein Gefühl, dass ihr nicht fremd ist. „Man lebt ständig mit der Angst, was wird morgen passieren und dann kommt so eine Zahl – das ist wie ein Schlag ins Gesicht.“ Doch dass Yilmaz durch und durch Optimistin ist, lässt sich auch daran erkennen, dass sie den 23,4 % tatsächlich etwas Gutes abgewinnen kann: „Mich bewegt es gleichzeitig auch dazu, noch mehr zu machen. Mehr sichtbar zu sein. Mehr über diese Themen zu sprechen. Ich überlege auch, wie ich das meinige tun kann, um AfD-Wähler zu erreichen. Manchmal schaue ich mich auch um und manchmal hasse ich mich dafür, wenn ich mir denke: Wählt er oder sie die AfD? Versuchst du jetzt einen Dialog? Man wird dann auch ein bisschen ‚gaga‘ und paranoid. Aber ich würde wirklich gern über die gemeinsamen Ängste sprechen.“

„Ich musste mir meine eigene Emanzipation innerhalb der Familie hart erkämpfen. Und ich möchte viele Frauen dazu motivieren, das auch zu tun.“

MEdine Yilmaz

Doch ihre Zeit im Ministerium hatte Yilmaz auch noch etwas Anderes gezeigt: „Dort im Ministerium habe ich festgestellt: Die Menschen, die hier sind – denen geht es gut! Was ist aber mit den vielen Menschen, insbesondere den Frauen, die es nicht hierher schaffen?“ Entsprechend beginnt die Deutsch-Türkin darüber nachzusinnen, wie sie nicht nur lokal begrenzt in Erfurt wirken kann. Sie will auch international „Empowerment“ betreiben, das bedeutet: Menschen die Macht geben, über sich und ihr Leben frei zu bestimmen. Die Selbstermächtigung von Frauen ist ihr dabei ein ganz besonderes Anliegen – auch weil die junge Frau, die mit 17 Jahren zunächst eine arrangierte Ehe einging, sich ihre eigene Emanzipation „innerhalb der Familie hart erkämpfen musste. Und ich möchte viele Frauen dazu motivieren, das auch zu tun“.

Ihre kurdischen Wurzeln sensibilisieren sie dabei insbesondere für die Nöte im Nahen Osten: „Der nahe Osten brennt!“, sagt sie. „Er brennt schon seit Jahrzehnten und er wird weitere Jahrzehnte brennen.“ Mit ihrem Verein „Frauen für den Nahen Osten“, den Yilmaz 2018 gründet, will sie versuchen, eben diesen Brand „schübchenweise zu löschen.“ Sie wolle für die Menschen vor Ort „einen kleinen Garten schaffen“, erklärt sie die Ziele des Vereins. Die erste Frau, der das Projekt einen solchen Garten schuf, war Sawra: Bei einem Bombardement verlor Sawra 2017 in Syrien ihren Mann. Zusätzlich geriet ihr Bruder in Gefangenschaft der Terrormiliz IS. In einer Kultur, in der Frauen zumeist finanziell abhängig von männlichen Familienmitgliedern sind, folgt daraus für die Syrerin eine existenzbedrohende Notlage. Gemeinsam mit ihren zwei Schwestern und ihrem zwölfjährigen Neffen flieht die Witwe in die Türkei, wo sie als Schneiderin für sich und ihre Angehörigen selbstständig sorgen will. Dort fehlt es ihr allerdings an Materialien und Werkzeugen. Dank Spendengeldern kann der „Verein für Frauen für den Nahen Osten e.V.“, der über eine Partnerorganisation von Sawras Notlage erfährt, sie mit den notwendigen Mitteln ausstatten, um eine kleine Schneiderei an der Grenze zu Syrien aufzubauen. „Sawra sagte zu uns: ‚Dank Euch habe ich wieder das Atmen gelernt.‘“, erinnert sich Yilmaz an dieses erste Hilfsprojekt. „Es sind genau diese Momente, die mir die Freude und die Motivation geben, immer weiterzumachen.“

„Gerade in Zeiten, in denen die AfD wächst, müssen die Wissenschaftler sichtbarer werden, denn wenn der Faschismus kommt, wird die Wissenschaft die erste sein, die geht.“

Medine Yilmaz

Doch um etwas zu bewegen in der Welt, müsse man gar nicht so weit in selbigen hinausgehen, findet die Vereinsvorsitzende. Stattdessen genüge es, im Kleinen anfangen: zum Beispiel hier in Erfurt, hier an der Universität. „Die Uni kann sehr viel dazu beitragen und muss viel tun“, befindet sie über die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschule. „Ich finde, die Wissenschaftler müssen aus ihrem Kämmerchen herauskommen. Gerade in Zeiten, in denen die AfD wächst, müssen die Wissenschaftler sichtbarer werden, denn wenn der Faschismus kommt, wird die Wissenschaft die erste sein, die geht. Wissenschaftler müssen deshalb in den Landkreisen und in den Regionen sein, wo die Menschen sich von der AfD mitgenommen fühlen. Sie müssen Denkräume schaffen – nicht nur hier in der Uni, sondern bei den Menschen vor Ort. Sie müssen überlegen, wie sie anhand von Projekten und kleinen Initiativen Menschen erreichen, die im Moment dem Populismus folgen. Denn wissen und forschen sind wichtig – aber sein Wissen zu teilen, ist ebenso wichtig!“

Und auch, wie ein solch kleines Projekt ‚zum Teilen‘ aussehen könnte, weiß Yilmaz schon ganz genau: „Ich wünschte mir, dass die Uni Leistungspunkte für soziales Engagement vergeben würde“, sagt sie und ausnahmsweise wird ihre sonst so feste Stimme ein bisschen leiser, während sich Medine Yilmaz vorstellt, was es bedeuten könnte, wenn jeder einen kleinen Anteil an einer besseren und vielfältigeren Welt hätte.

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Wenn die Welt zu Gast ist: Dietlinde Schmalfuß-Plicht unterstützt internationale Studierende in Erfurt https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/11/05/dietlinde-schmalfuss-plicht/ Tue, 05 Nov 2019 09:29:02 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=1057 „Wir reisen nicht gern in die Welt – aus ökologischen Gründen“, erklärt Dietlinde Schmalfuß-Plicht. „Aber wir haben die Welt sehr gern bei uns zu Gast.“ Und deswegen öffnet die Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Erfurt immer wieder Gästen aus aller Welt nicht... Weiterlesen →

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„Wir reisen nicht gern in die Welt – aus ökologischen Gründen“, erklärt Dietlinde Schmalfuß-Plicht. „Aber wir haben die Welt sehr gern bei uns zu Gast.“ Und deswegen öffnet die Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Erfurt immer wieder Gästen aus aller Welt nicht nur Haus und Hof, sondern auch Herz und Seele: Seit 2007 beteiligt sie sich am Programm „Fremde werden Freunde“ – einer gemeinsamen Initiative der Erfurter Hochschulen sowie der Stadtverwaltung und des Thüringer Instituts für Akademische Weiterbildung. Ziel des Programms ist es, ausländischen Studierenden in Erfurt den Einstieg in den „deutschen Alltag“ zu erleichtern und ihnen fernab der Heimat „ein Gefühl von zuhause“ zu vermitteln.

Ein solches Gefühl haben in den vergangenen zwölf Jahren immerhin schon sechs ‚Patenkinder‘ bei Schmalfuß-Plicht und ihrer Familie gefunden: Gemeinsam gestalten sie die Freizeit, helfen bei der Orientierung in der fremden Stadt und meistern gelegentlich auch schon einmal die Herausforderungen deutscher Bürokratie. „Einmal hatten wir einen iranischen Doktoranden als Patenkind. Der hatte bei unserem ersten Treffen auch prompt einen Brief von der Versicherung dabei“, erinnert sich die Patin lachend.

Wie sehr das Angebot angenommen werde, das sei von Patenkind zu Patenkind verschieden, erzählt sie. Man könne ja auch vorher nicht wissen, was für einem Menschen man da begegne. Doch an einem Angebot zur Gemeinschaft mangele es keinesfalls: Über die individuellen Betreuungsverhältnisse hinaus treffen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms zweimal im Jahr zu gemeinsamen Unternehmungen: Schlauchbootfahren auf der Saale zum Beispiel. Oder aber Sommerrodeln auf dem Inselsberg.

„Der Umgang mit Menschen anderer Kulturen verändert auch mein eigenes Denken.“

Dietlinde Schmalfuß-plicht

Aus einigen der Bekanntschaften, die Dietlinde Schmalfuß-Plicht und ihr Ehemann im Rahmen des Programms „Fremde werden Freunde“ geknüpft haben, entwickelten sich zum Teil tatsächlich langjährige Freundschaften: Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert sie sich an eine junge Frau aus Rumänien, die seinerzeit an der Willy Brandt School studierte. Heute arbeitet sie in Brüssel für die Europäische Union; spricht nur noch wenig Deutsch. Trotzdem ruft sie jedes Jahr zu den Geburtstagen ihrer einstigen Pateneltern an. Auch ihre eigene Mutter habe sie schon mit ihnen bekannt gemacht. „Das war ihr wichtig.“

Ein anderer Freund ist ein junger Iraner, der heute in Hamburg lebt und dort mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat – genau der, der damals den Brief von der Versicherung im Gepäck hatte. „Bis heute fragt er jedes Jahr an, ob er uns an Weihnachten besuchen und gemeinsam mit uns feiern kann. Und dass, obwohl er Moslem ist!“

An die internationalen Weihnachtsfeste, die Familie Schmalfuß-Plicht den vergangenen Jahren gefeiert hat, erinnert sich die Bibliotheksmitarbeiterin besonders gern. „Wie nennen es unsere ‚muslimische Weihnacht‘“, erzählt sie schmunzelnd. „Denn obwohl wir Christen sind und mein Mann selbst evangelischer Pfarrer ist, haben wir meist überwiegend muslimische Gäste um den Tannenbaum sitzen.“

Genau das ist es, was Schmalfuß-Plicht so mag: Wenn verschiedene Kulturen und Brauchtümer aufeinandertreffen und der eine vom anderen etwas Neues lernen kann. Auch, weil sie selbst an diesem Austausch wächst: „Der Umgang mit Menschen anderer Kulturen verändert mein eigenes Denken“, erklärt die studierte Philosophin, die parallel zu ihrer Tätigkeit an der Universität Erfurt eine philosophische Praxis in Erfurt besitzt. Dort bietet sie Menschen die Möglichkeit zum Dialog an. Regelmäßig lädt sie auch zu einem „Philosophischen Salon“ ein.

„Es ist ganz wichtig, sich über die fremde Kultur erzählen oder sie sich vorleben zu lassen.“

Dietlinde Schmalfuß-plicht

Im Kern ähneln sich ihre Arbeit in der philosophischen Praxis und das Programm „Fremde werden Freunde“ dabei sehr: Beide wollen im Austausch bleiben über verschiedene Weltanschauungen und Überzeugungen, über Ideen sowie Fragen des Werdens, des Seins und des Vergehens. Auch ihre internationalen Gäste nehmen das Angebot der philosophischen Praxis gelegentlich wahr, freut sich die Praxisinhaberhin: „Einmal hat ein Studierender selbst einen philosophischen Salon gestaltet“, erzählt sie. Es sei an diesem Abend um das Denken und das Weltbild des Islams gegangen. Ein im Zuge von globaler Migration und Flüchtlingskrise andauernd aktuelles Thema.

Das Programm „Fremde werden Freunde“ bietet damit nicht nur Studierenden aus aller Welt Halt und Stabilität. Auch die Universität, die Stadt Erfurt und natürlich die Menschen, die hier leben und sich im Programm engagieren, können von dem Austausch profitieren: „Ich denke, dass man Vorurteile abbauen kann, wenn man die Menschen persönlich kennenlernt. Es ist ganz wichtig, sich über die fremde Kultur erzählen oder sie sich vorleben zu lassen“, sagt Dietlinde Schmalfuß-Plicht.

Auch sie selbst habe – bei aller Erfahrenheit im internationalen Umgang – durchaus Themen, an denen sie auch nach vielen Kontakten noch immer „knabbere“. Der Ramadan zum Beispiel. Zwar sei ihr als Christin das Konzept der Fastenzeit keineswegs fremd, erklärt sie. Jedoch erscheine es ihr widersinnig, am Tag weder essen noch trinken zu dürfen, dafür aber bei Nacht. „Es fällt mir schwer, dafür Verständnis aufzubringen. Gerade wegen der gesundheitlichen Risiken. Aber man muss derlei fremde Bräuche auch tolerieren und annehmen können.“

Genau das ist es, was für Dietlinde Schmalfuß-Plicht den Kern einer Freundschaft ausmacht: „Ich verstehe unter Freundschaft, dass ich jemanden auch sein lassen kann, wie er eben ist. Und dass man nicht immer seine eigene Ansicht aufstülpen muss. Das ist auch das, was zu ‚Fremde werden Freunde‘ gehört.“

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„Wir wollen Kindeswohl auf Tagesordnungspunkt eins unserer Agenda haben!“ Myriam Wijlens setzt sich international für den Kinderschutz ein https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/25/weltbewerger-myriam-wijlens/ Fri, 25 Oct 2019 10:59:10 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=1012 Regelmäßig wird sie von fremden Menschen angesprochen. An Bahnhöfen zum Beispiel. Oder auch schon einmal zwischen Kartoffeln und Zwiebeln im Supermarkt: Sie sei doch die Frau, die für den Papst arbeite. Die, die sich für den Kinderschutz engagiere. Wenn man... Weiterlesen →

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Regelmäßig wird sie von fremden Menschen angesprochen. An Bahnhöfen zum Beispiel. Oder auch schon einmal zwischen Kartoffeln und Zwiebeln im Supermarkt: Sie sei doch die Frau, die für den Papst arbeite. Die, die sich für den Kinderschutz engagiere. Wenn man sie darauf anspricht, dann freut das Prof. Dr. Myriam Wijlens. Denn es zeigt, dass die Arbeit der Theologin nicht nur im Dunstkreis der katholischen Kirche wirkt, sondern dass sie dort ankommt, wo sie ankommen soll: nicht allein bei Kirche und Klerus, sondern auch bei ganz alltäglichen Menschen – Menschen, wie man sie eben an Bahnhöfen oder in Supermärkten trifft.

Die Kirchenrechtlerin der Universität Erfurt engagiert sich umfassend im internationalen Kinder- und Jugendschutz. „Seit mehr als 30 Jahren bin ich an dem Thema dran“, sagt sie. Weit bevor die großen kirchlichen Missbrauchsskandale durch die deutschen Medien rollten also. Weit vor der MHG-Studie von 2018. Weit vor „Spotlight„, dem Medienspektakel, das 2002 tausendfachen sexuellen Missbrauch durch römisch-katholische Priester in den USA an die Öffentlichkeit brachte und die Kirche anschließend international in eine schwere Krise stürzte. Eine Krise, die bis heute nicht ausgestanden ist.

Wijlens betrachtet die Krisenherde dabei sowohl auf internationaler als auch lokaler Ebene: In den späten 1980er Jahren engagierte sie sich zunächst in Kanada. Dort mussten Leitlinien für Bischöfe, denen konkrete Hinweise auf Fälle sexuellen Missbrauchs im eigenen Bistum vorlagen, entwickelt werden. Mitte der 1990er Jahre war sie an der Entwicklung ähnlicher Richtlinien für die katholische Kirche in den Niederlanden beteiligt. 2004 schließlich wurde die Theologin erstmals auch von einem deutschen Bischof damit beauftragt, einer Anzeige aus kirchenrechtlicher Perspektive nachzugehen. Im Jahr darauf zog die Bundesstaatsanwaltschaft in Irland sie als Expertin in einem laufenden Gerichtsverfahren bezüglich fahrlässigen Handelns durch kirchliches Leitungspersonal hinzu.

„Wir wollen Institutionen vertrauen können.“

Prof. Dr. Myriam Wijlens

In mehr als 100 Verfahren war Prof. Wijlens inzwischen tätig. Sie geht dabei stets konkreten Fällen nach und bereitet notwendige Akten für den Vatikan vor. Basierend auf dieser umfassenden Erfahrung ernannte sie Papst Franziskus im vergangenen Jahr zum Mitglied der „Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen“. Als Kommissionsmitglied ist es ihre Aufgabe, den Bischof von Rom in Fragen des Kinderschutzes zu beraten: In Kooperation mit Expertinnen und Experten aus den verschiedensten Fachbereichen spricht die gebürtige Niederländerin Handlungsempfehlungen im Hinblick auf Missbrauchsprävention, Opferschutz sowie den Ablauf eines Verfahrens und allgemeine Strukturen der Kirche aus. Begriffe wie Aufklärung, Transparenz, Rechenschaft, Rechte von Opfern und Beschuldigten im Verfahren stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Papst Franziskus, Myriam Wijlens
Bildrechte: Servizio Fotografico Vaticano

Die besondere Schwere des Missbrauchs durch Kleriker ergibt sich für Wijlens dabei aus dem „Vertrauensvorschuss“, den Gläubige der Kirche als moralischer Institution gewähren: „Wenn ein Kind nach der Schule einen Klassenkameraden zum Spielen besuchen möchte“, versinnbildlicht sie, „dann werden seine Eltern zumeist erklären: ‚Ich rufe mal kurz bei der Mutter an, um zu fragen, ob das in Ordnung ist‘. Im Grunde aber wollen die Eltern damit wissen, wohin ihr Kind eigentlich geht, also: Was ist das für eine Familie? Kann ich mein Kind diesem Umfeld anvertrauen? Wenn das Kind dagegen sagt, dass es nach dem Unterricht noch zum Spielen in die Pfarrgemeinde möchte, dann lassen die Eltern das in aller Regel ohne weitere Rückfragen zu. Da erkundigt man sich nicht, wer dort gerade ‚Dienst‘ hat. Weil es schließlich ‚die Kirche‘ ist. Weil wir Institutionen vertrauen wollen.“

Doch eben diese Vertrauensfrage stellt sich nicht nur in der Kirche. Sie stellt sich auch in Krankenhäusern, in Universitäten, in Schulen oder im Sportverein – kurzum: in jeglichen Institutionen und Einrichtungen, in denen Beziehungen zwischen Menschen notwendigerweise strukturiert und geordnet werden müssen. In jede dieser Strukturen sei dabei auch stets ein Mindestmaß an Vertrauen eingewoben, betont die Theologin. Vertrauen nämlich gegenüber jenen Menschen, die die Institution repräsentieren. „Und dieses Vertrauen kann missbraucht werden“, so Wijlens. „Zum einen direkt durch die Menschen, die vor Ort tätig sind. Zum anderen aber natürlich auch durch diejenigen, die Verantwortung für die Strukturen der jeweiligen Institution tragen. Für letztere geht damit auch die Frage einher, wie Sie mit ihrer Macht und Leitungsverantwortung im Hinblick auf etwaige Anschuldigungen zu Missbrauchsfällen umgehen. Es stellt sich dann etwa die Frage, wie mit konkreten Beschuldigungen umzugehen ist, während gleichzeitig die vertrauenswürdige Außendarstellung der Institution aufrecht erhalten bleiben soll.““

„Ich will zeigen, dass die Theologie etwas leisten kann.“

Prof. Dr. Myriam Wijlens

Aus diesem Grund betrachtet die Kirchenrechtlerin Aspekte des Kinder- und Jugendschutzes nicht allein im Kontext der Religion. Sie will den Blick öffnen – für sich selbst, aber auch für andere. Und sie will zeigen, dass „die Theologie etwas leisten kann.“ Dass sie etwas zu sagen hat, auch in kirchenfernen Anwendungsbereichen. Deswegen bietet Myriam Wijlens an der Universität Erfurt seit vielen Jahren gleich zwei Lehrveranstaltungen zum Thema Kinder- und Jugendschutz an: Im Rahmen des Seminars „Missbrauch in Institutionen“ sowie in der Vorlesungsreihe „Kindeswohl: Rechte – Schutz – Förderung“ will sie Studierende für das Thema sensibilisieren und sie zum eigenverantwortlichen und selbstwirksamen Umgang mit Missbrauchsprävention ermächtigen.

Besonders erfreut ist die Professorin dabei über die große Heterogenität der Studierenden, die in ihren Lehrveranstaltungen zusammenfinden: „Sie kommen zum Beispiel aus den Staatswissenschaften, aus der Pädagogik und aus dem Lehramt“, erzählt sie. „Ich habe pro Semester mehr als 130 Studierende in diesen Lehrveranstaltungen sitzen, die nichts mit Theologie zu tun haben, die aber von den Überlegungen der Theologie lernen wollen.“

Und zu lernen gibt es viel, davon ist Myriam Wijlens überzeugt. Und für jeden etwas Anderes: Studierende der Rechtswissenschaften animiert sie dazu, mit einem Richter des Landgerichtes Erfurt in Kontakt zu treten. Der wiederum lädt Studierende häufig dazu ein, Prozessverhandlungen vor Gericht beizuwohnen. Nirgendwo ließe sich besser zeigen, dass dort auf der Anklagebank in aller Regel „keine Monster“ sitzen, sondern gewöhnliche Menschen, wie man sie „auch im Biergarten treffen“ könne. „Wir werden dort mit falschen Bildern in unseren Köpfen konfrontiert, die wir korrigieren müssen“, betont die Kirchenrechtlerin. Studierende der Psychologie fordert Prof. Wijlens indes dazu auf, sich mit Methoden zu befassen, wie ein fünfjähriges Kind zu vernehmen und seine Aussage auf einen Wahrheitsgehalt zu prüfen sei. Studierende der Sportwissenschaft spricht sie darauf an, welche Ausbildung ihnen selbst als zukünftigen Trainerinnern und Trainer im Hinblick auf Missbrauchsprävention zuteil geworden sei. „Meist nicht allzu viel“, resümiert sie. Denn Kinderschutz sei „so lange ein blinder Fleck, bis etwas passiert.“

Eben dieser blinde Fleck ist es, gegen den die Professorin angehen möchte. Sie will ein Bewusstsein für das oftmals weithin unsichtbare Problem schaffen und Prävention vor die Reaktion setzen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres Seminars erhalten deshalb seit einigen Semestern ein Zertifikat, das ihnen ein erfolgreich absolviertes Präventionstraining im Umgang mit Missbrauchsfällen bescheinigt. Auf diese Weise möchte Prof. Wijlens Studierende zum proaktiven Handeln ermächtigen – etwa indem sie sich weiterführend in Kinderheimen engagieren, in pädagogischen Fördereinrichtungen oder auch in der Kinderambulanz eines Krankenhauses.

„Wir müssen die Bilder in unserem Kopf korrigieren.“

Prof. Dr. Myriam Wijlens

Denn der Kirchenrechtlerin ist es ein zentrales Anliegen, dass Resultate ihrer Arbeit nicht nur in Theologie und Kirche sichtbar werden, sondern auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext: „Ja, ich mache das auch für die Kirche“, sagt sie. „Aber die Kirche ist ein Vehikel für mich. Ein Vehikel, in dem meine Expertise anerkannt wird. Aber das, was wir in der Kirche in der Aufarbeitung und der Prävention von Missbrauchsfragen leisten können, sollte einen Transfer in die ganze Gesellschaft erleben. Und genau dazu kann und muss die katholische Kirche etwas beitragen. Wir müssen sagen: ‚Wir wollen Kindeswohl auf Tagesordnungspunkt eins unserer Agenda haben!'“

Dass Wijlens Kinderschutz dabei im Großen wie im Kleinen denkt, zeigt sich als sie abschließend den Blick von Rom zurück nach Erfurt wendet: „Ich halte es für wichtig, dass ausgerechnet ich als Mitglied der Katholisch-Theologischen Fakultät im Senat der Universität Erfurt sitze und dort die Frage aufwerfe, was wir auch hier ganz konkret vor Ort für den Kinderschutz tun; hier an unserer eigenen Universität, an der wir auch für und mit Kindern forschen!“ Vor Ort sein und vor Ort handeln – das ist der Theologin ein wichtiges Anliegen. Ein Anliegen, in dem sie sich jedes Mal aufs Neue bestärkt fühlt, wenn sie wieder einmal von fremden Menschen auf offener Straße auf ihr Engagement im Kinderschutz angesprochen wird.

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Prof. Dr. Marcel Helbig deckt soziale Missstände auf https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/21/weltbeweger-marcel-helbig/ Mon, 21 Oct 2019 10:41:23 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=1004 Über das „Schwert der Wissenschaft“ etwas bewegen, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und Diskurse anstoßen – etwas, das Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Uni Erfurt und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), mit seinen... Weiterlesen →

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Über das „Schwert der Wissenschaft“ etwas bewegen, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und Diskurse anstoßen – etwas, das Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Uni Erfurt und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), mit seinen verschiedenen Studien verfolgt und ihn antreibt. Als gefragter Experte für das Themengebiet soziale Ungleichheit – insbesondere in den Bereichen Bildungs- und Stadtsoziologie – steht er mittlerweile regelmäßig in der Öffentlichkeit und macht auf soziale Problemlagen aufmerksam…

Dabei habe er die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Laufbahn und das Thema Ungleichheit erst relativ spät für sich entdeckt. „Gegen Ende des Master-Studiums an der HU Berlin wurde mir durch Seminare im Bereich der Bildungssoziologie immer mehr bewusst, wie ungerecht das deutsche Schulsystem ist und wie sehr die Bildungswege davon abhängen, in welchem Elternhaus man geboren ist“, führt er aus: „Und oftmals wird in der Öffentlichkeit nicht reflektiert, dass es dafür durchaus strukturelle Gründe gibt. Darauf hinzuweisen, war mir immer wichtig.“ Helbig selbst stammt aus einer Arbeiterfamilie und erinnert sich noch an seine anfänglichen Zweifel hinsichtlich eines Studiums. Bildung im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit zählt bis heute zu einem seiner zentralen Forschungsthemen. Vor diesem Hintergrund legt der gebürtige Erfurter mittlerweile auf das Thema der Privatschulen ein besonderes Augenmerk. „Bei der sozialen Zusammensetzung von privaten und öffentlichen Schulen sieht man die Ungleichheit einfach extrem. Und in der Gesellschaft gilt es als normal, dass sich eben nicht jeder den Besuch einer Privatschule leisten kann.“ Dies stehe jedoch dem Grundgesetz entgegen, denn: „Private Schulen müssen für alle Kinder offenstehen, deswegen bekommen sie schließlich auch Förderung vom Staat“, erklärt der Sozialwissenschaftler.

„Ich wollte weniger Theorien aus dem wissenschaftlichen ‚Elfenbeinturm‘ nacheifern, als vielmehr schauen, inwieweit die jeweilige Fragestellung relevant für die Gesellschaft ist.“

Prof. Dr. Marcel Helbig

Über die intensivere Betrachtung der Privatschulen in Berlin entwickelte sich die soziale Spaltung in Städten zu einem weiteren Forschungsstrang, zu dem er gemeinsam mit Stefanie Jähnen vom WZB im vergangenen Jahr eine vielbeachtete Studie veröffentlichte. „Die Studie zur sozialen Segregation wurde unglaublich breit in der Öffentlichkeit angenommen. Innerhalb von zwei Tagen hatten wir fast 100 Pressemeldungen“, erzählt Helbig. Und nicht nur das. Für den Sozialforscher folgten darauf Fernsehauftritte und mehr als 40 Vorträge. Neben diversen Veranstaltungen in Erfurt standen u.a. Termine in verschiedenen Stadträten, bei dem Gesamtverband der Wohnungswirtschaft und auch in der Kabinettssitzung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Programm. Was ihn dazu motiviert? „Über diese ganzen Geschichten sammelt man gute Verbindungen in Stadt und Land – am Ende die Verbindungen, die es braucht, um lokal etwas bewegen und mitreden zu können.“ So arbeitete Helbig aktuell beispielsweise am zweiten Thüringer Sozialstrukturatlas mit, der neben der Analyse sozialer Problemlagen, auch klare Handlungsempfehlungen an die politischen Entscheidungsträger beinhaltet.

Etwas, das seinen verschiedenen Studien gemein ist: Valide Daten als Forschungsgrundlage und eine starke Ausrichtung an der Öffentlichkeit. Denn bereits durch erste Veröffentlichungen während seiner Dissertationszeit wurde dem heute 39-Jährigen bewusst, dass Wissenschaft durchaus in die Gesellschaft wirken kann – ein Aspekt, der handlungsleitend für seine weitere Forschung werden sollte. „Ich wollte weniger Theorien aus dem wissenschaftlichen ‚Elfenbeinturm‘ nacheifern, als vielmehr schauen, inwieweit die jeweilige Fragestellung relevant für die Gesellschaft ist – und im weiteren Schritt, wie man mit den vorliegenden Ergebnissen eine positive Veränderung erzielen kann.“

„Als Forscher erzähle ich den Leuten natürlich nicht, was sie tun sollen. Vielmehr lege ich den Finger in die Wunde und versuche den jeweiligen Entscheidungsträgern Input und Argumentationsgrundlagen zu liefern.“

Prof. Dr. Marcel Helbig

Ob es bei all der positiven Resonanz auch Schattenseiten gibt? „Ist ein Thema einmal in der Öffentlichkeit, gibt man es auch immer ein bisschen aus der Hand – je nachdem, welche Prämisse die Journalisten setzen.“ So wurde in den Meldungen zur Segregationsstudie oft von „Ghettoisierung“ gesprochen, „obwohl wir diesen Begriff nur an einer Stelle im Zusammenhang mit dem USA verwendet haben“, gibt er zu bedenken. Und nicht nur deswegen müsse man sich als Forscher ein „dickes Fell“ zulegen, wenn man Studien veröffentlicht, die sich auch an die Öffentlichkeit richten. „Für die ein oder andere Aussage, bekommt man auch schon mal Gegenwind. Als ich beispielsweise in einer Lokalzeitung direkt eine Privatschule in der Nähe kritisierte, sorgte dies insbesondere bei Facebook für große Aufregung“, erinnert sich Marcel Helbig. Und trotz des Trubels sei das Thema nach zwei Tagen wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden – somit auch ohne politische Konsequenzen.

„Am Ende braucht es eben immer noch die Politik oder Zivilgesellschaft, die auf ein Thema ‚aufspringen‘ muss. Deswegen darf man als Forscher nicht glauben, die Welt retten zu können“, erklärt er mit einem gewissen Pessimismus, der ihn jedoch nicht davon abhält, immer wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, Debatten anzustoßen und so Themen auf die politische Agenda zu bringen. Die Überzeugung und die Gewissheit, für eine wichtige Sache einzustehen, treiben den Sozialwissenschaftler an. Was er aber betont: „Als Forscher erzähle ich den Leuten natürlich nicht, was sie tun sollen. Vielmehr lege ich den Finger in die Wunde und versuche den jeweiligen Entscheidungsträgern Input und Argumentationsgrundlagen zu liefern. Und manchmal muss man dafür eben laut genug ‚brüllen‘, um gehört zu werden.“

Originalfoto: Bernhard Ludewig

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Mit dem Mut zum offenen Wort: Julia Knop treibt Reformen in der katholischen Kirche voran https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/08/weltbeweger-julia-knop/ Tue, 08 Oct 2019 10:32:58 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=961 „Ich empfinde die aktuelle Situation der katholischen Kirche als dramatisch“, erklärt Julia Knop. Fernab jeglicher Übertreibung fährt die Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt fort: „Ich habe den Eindruck, dass wahnsinnig viel auf dem Spiel steht, und ich denke,... Weiterlesen →

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„Ich empfinde die aktuelle Situation der katholischen Kirche als dramatisch“, erklärt Julia Knop. Fernab jeglicher Übertreibung fährt die Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt fort: „Ich habe den Eindruck, dass wahnsinnig viel auf dem Spiel steht, und ich denke, dass sich in den nächsten zwei, drei Jahren entscheidet, welche Zukunft die katholische Kirche in Deutschland hat: ob es ein vitaler, an der Gegenwart orientierter Katholizismus ist oder ein auf ein ganz bestimmtes Milieu verengter Retrokatholizismus.“ Ihre Prognose wirkt erschreckend, umso mehr, da sich die drohende Bedeutungslosigkeit der Kirche in ihren Zahlen widerspiegelt: Allein im vergangenen Jahr verließen hierzulande mehr als 200.000 Gläubige ihren Schoß. Damit ist 2018 das Jahr mit den zweitmeisten Kirchenaustritten seit dem Zweiten Weltkrieg. Für die Theologin „ein Katastrophenjahr“.

Im ‚Auge des Sturms‘ stehen dabei Themen, die an sich nicht neu sind: Es geht um kirchliche Sexualmoral, um priesterliche Lebensformen und um die Gleichberechtigung der Frau am Altar. Eigentlich ‚ein alter Hut‘, konstatiert die Wissenschaftlerin: „Diese Themen sind seit 40, 50 Jahren im Gespräch.“ Neu ist allerdings, dass man all diese Themen auch im kirchlichen Diskurs unter Zuhilfenahme eines politisch aufgeladenen Machtbegriffes debattiert. Macht, nicht in einem göttlich-legitimierten, sondern in einem ganz irdischen und damit fehlbaren Sinne: Macht zwischen Rom und der Ortskirche. Macht zwischen Klerikern und kirchlichen ‚Laien‘. Macht zwischen den Geschlechtern.

Und neu ist die Brisanz, mit der diese Debatte geführt wird. Ebenso wie die öffentliche Resonanz, die sie erfährt: „Die Grundakzeptanz seitens der Gläubigen ist nicht mehr da“, kommentiert Julia Knop die Haltung vieler Katholikinnen und Katholiken. „Man will es einfach nicht mehr hinnehmen: das Verschweigen kirchlicher Gewalt, die pseudoreligiöse Relativierung von Macht, die Sonderdiskurse, durch die vormoderne Vorstellungen und Strukturen fixiert werden sollen.“ Und dass man es nicht mehr hinnehmen will, dieser Umstand verdankt sich einem zunehmend kritisch-konstruktiven Diskurs, der gegen das strukturkonservative Denken vieler Kirchenverantwortlichen aufbegehrt. Einem Diskurs, den die Theologin nicht nur mitgestaltet, sondern in seiner aktuellen Form vielleicht sogar mitangestoßen hat.

„Die Kirche hat jeglichen Kredit verspielt.“

Prof. Dr. Julia Knop

Doch der Reihe nach. Was ist geschehen? Im Frühjahr 2019 traf sich im niedersächsischen Lingen die Deutsche Bischofskonferenz zu einem Studientag in dessen Mittelpunkt „Die Frage nach der Zäsur“ stand. Der Studientag sollte übergreifende Fragen behandeln, die sich gegenwärtig stellen. Er war damit eine Antwort auf die sogenannte MHG-Studie, die 2018 das schreckliche Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte.

Julia Knop, die seit 2016 die Professur für Dogmatik an der Universität Erfurt innehat, war eingeladen, den Studientag zu eröffnen und zu moderieren. Vielleicht mag manch einer der Organisatoren diese Einladung im Nachhinein bereut haben, denn die gebürtige Münsterländerin ging mit den Oberhirten der katholischen Kirche hart ins Gericht: Vor den Augen und Ohren der versammelten deutschen Bischöfe prangerte sie an, dass die Kirche durch ihr unterlassenes Handeln im Missbrauchsskandal „jeglichen Kredit verspielt“ habe. Dass dringend notwendige Debatten, die spätestens zur Aufarbeitung – vielleicht auch schon zur Prävention – der Missbrauchsfälle geführt hätten werden müssen, nicht nur „nicht gewünscht, sondern tabuisiert“ worden seien. Dass „systemische Defekte“ nicht länger zu leugnen seien.

Das Medienecho, das die Dogmatikerin damit auslöste, war groß. Kaum eine katholische Zeitung, die nicht über die Ereignisse in Lingen berichtet hätte. Doch auch abseits des öffentlichen Radars erreichten die Wissenschaftlerin zahlreiche Rückmeldungen. Ihre Worte seien „mutig“ gewesen, urteilten insbesondere Kolleginnen und Kollegen und bekannten damit, dass das angstfreie Sprechen in der katholischen Theologie auch im Jahr 2019 keine Selbstverständlichkeit ist. Auf kirchliche Laien hätten ihre Worte „erleichternd“ gewirkt, denn endlich habe „sich mal jemand getraut, den Mund aufzumachen.“

Den Mund aufzumachen und sich an prominenter Stelle Gehör zu verschaffen – genau das hat Julia Knop als ihre ureigene Verantwortung wahrgenommen. „Man hatte mich schließlich eigens dazu eingeladen, in Lingen zu sprechen“, betont sie. „Dabei war auch immer klar, welche Rolle ich einnehmen würde: dass ich nicht nur Wortmeldungen moderieren, sondern auch einen inhaltlichen Einstieg anbieten würde. Natürlich kann man da nicht erwarten, dass man nur bequeme Themen anspricht.“ Bequem war es sicher nicht, was die Professorin in Lingen auf den Tisch packte, aber aus ihrer Sicht dringend notwendig.

„Es geht um nicht weniger als die Frage, ob der pluralismusfähige Katholizismus eine Zukunft hat.“

Prof. Dr. Julia Knop

Die Versammlung der Bischöfe endete mit dem Beschluss, einen „synodalen Weg“ in Deutschland einzuleiten. Er soll Reformprozesse in der katholischen Kirche anstoßen und damit zur Erneuerung derselben beitragen. Dass es zu einer solchen Entscheidung kommen würde, war im Vorfeld des Studientages nicht abzusehen. „Während des Studientages hat sich eine Dynamik entwickelt, die mit Händen geradezu greifbar, aber keinesfalls im Vorfeld planbar war“, resümiert Knop. Waren es dabei vielleicht sogar erst die schonungslosen Worte der Theologin, die den synodalen Weg mit aus der Wiege gehoben haben? Über ihren eigenen Anteil am Beschluss zum synodalen Weg urteilt die Dogmatikerin: „Es war eine ganze Reihe von Leuten, die da gut zusammengespielt haben: in der Vorbereitung, seitens der Referenten und Gäste, deren Anwesenheit und Engagement sehr wichtig war. Aber ich glaube, der Freimut aller Beteiligten zum offenen Wort, ob in den Impulsen, im Plenum oder in den Arbeitsgruppen – der der hat viel bewirkt.“

Der Mut zum offenen und bewusst kritischen Wort, aber auch zur Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen ist Julia Knop wichtig. Auch, weil es genau diese Schlüsselkompetenzen braucht, um die katholische Kirche nicht mehr länger nur mit gutem Willen ‚künstlich zu beamten‘, sondern sie wieder lebens- und gesellschaftsfähig zu machen. Denn mit Blick auf die beständig rückläufigen Kirchenmitgliedszahlen in Deutschland sieht die Wissenschaftlerin langfristig die Gefahr einer „Milieuverengung“. Gemeint ist, dass nur die „vermeintlich aufrechten Katholiken“, also die konservativen und institutionsaffinen Mitglieder der katholischen Kirche treu bleiben, während sich „kritischere Geister nach und nach verabschieden, weil sie keine Zukunft sehen“, formuliert sie ihre Bedenken: „Es geht um nicht weniger als die Frage, ob der pluralismusfähige Katholizismus eine Zukunft hat.“

„Wir brauchen eine Selbstverpflichtung der Kirche auf heutige Standards.“

Prof. Dr. Julia Knop

Derzeit wird der synodale Weg in Deutschland vorbereitet. Ab 2020 soll er umgesetzt werden. Dazu wurden Arbeitskreise – sogenannten Foren – eingerichtet, die sich einleitend mit den zentralen Themen der Krise beschäftigen: „Sexualmoral“, „Priesterliche Lebensform“ sowie „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ und „Macht, Partizipation und Gewaltenteilung“. Julia Knop wirkt als Teilnehmerin des letzteren Forums an dieser Agenda mit.

Ihre Forderungen dabei sind klar: „Wir brauchen eine Selbstverpflichtung der Kirche auf heutige Standards.“ Standards, wie sie sich aus einem gesamtgesellschaftlichen Wandel zugunsten einer liberalen Wertehaltung ergeben: „Standards des freien Diskurses sowie Standards des demokratischen Zugangs zu gemeinsamen Fragen“, erörtert sie. „Beteiligung darf nicht heißen: Wir delegieren mal ein paar Aufgaben des Klerus‘ an Ehrenamtliche, weil wir ohnehin zu wenig Priester haben. Es muss stattdessen eine breite und langfristige Beteiligung kompetenter Gläubiger an der Leitung und Gestaltung der Kirche geben!“

Dafür brauche es aber vor allem eines: einen „glaubhaften Mentalitätswandel“. Das nach wie vor seitens zahlreicher Kirchenherren gelebte „Kontrolldenken“ und „Autoritätsgehabe“ sei schlichtweg „nicht mehr zeitgemäß“, befindet die Theologin, der nicht nur die Freiheit der Wissenschaft, sondern auch die generelle Freiheit im Denken und Sprechen aller Gläubigen ein großes Anliegen ist. Aber ein solcher Wandel brauche eben Zeit. Zeit, die die katholische Kirche strenggenommen nicht mehr habe.

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Wie viel Selbstwirksamkeit braucht es für ein gutes Leben? https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/04/hartmut-rosa-selbstwirksamkeit/ Fri, 04 Oct 2019 07:26:36 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=838 Das Leben gelingt nicht per se dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind... Weiterlesen →

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Das Leben gelingt nicht per se dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir es zu tun haben.

Wenn wir sie lieben, entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht zwischen uns und der Welt. Dieser Draht wird einerseits gebildet durch das, was Sozialpsychologen intrinsische Interessen nennen, und andererseits durch Selbstwirksamkeitserwartungen. Die Ausbildung von Selbstwirksamkeitserwartungen und von intrinsischen Interessen wiederum korreliert mit der Erfahrung von sozialer Anerkennung – hier liegt eine offensichtliche Brücke zum Ressourcenansatz: Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleibt der Draht zur Welt – bleiben die Resonanzachsen – starr und stumm.

„Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleibt der Draht zur Welt – bleiben die Resonanzachsen – starr und stumm.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Das Konzept der Selbstwirksamkeit wurde 1977 von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura eingeführt und seither in zahlreichen Einzelstudien weiterentwickelt.[1] Es wurde in vielfältigen Zusammenhängen, etwa in der Arbeits-, Gesundheits- oder Bildungssoziologie, aufgegriffen und fruchtbar gemacht; in Deutschland insbesondere von Ralf Schwarzer und seinem Team.[2] Die Kernidee besteht darin, dass es für die menschliche Handlungs- und Lernfähigkeit, aber darüber hinaus auch für das Eingehen und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen und für die Lebenszufriedenheit insgesamt – und damit kurz: für die Qualität der menschlichen Weltbeziehung – entscheidend darauf ankommt, dass Subjekte sich zutrauen, Herausforderungen zu meistern, kontrolliert auf die Umwelt Einfluss nehmen und damit planvoll etwas bewirken zu können:

„Die Menschen schreiben ihrem eigenen Handeln kausale Wirkmacht zu. Für das Verständnis ihres Verhaltens ist nichts wichtiger und durchschlagender als die Überzeugungen, die Akteure bezüglich ihrer Fähigkeit haben, ihre eigenen Handlungen und deren Effekte auf die Umwelt sowie die relevanten Umweltereignisse selbst zu kontrollieren. Wirksamkeitserwartungen beeinflussen daher, wie Menschen denken, wie sie fühlen, wie sie sich motivieren und wie sie handeln.“[3]

Menschen unterscheiden sich demnach insbesondere im Ausmaß, in dem sie sich zutrauen, Aufgaben zu erfüllen, Herausforderungen zu meistern und Ziele zu verwirklichen. Hohe Selbstwirksamkeitserwartungen wirken sich dabei nach den vorliegenden Forschungsergebnissen positiv auf das Sozialverhalten, auf Lernerfolge, auf den Gesundheitszustand und die Lebenszufriedenheit insgesamt aus, während sich bei niedrigen Selbstwirksamkeitserwartungen die entsprechenden negativen Effekte beobachten lassen, darunter insbesondere auch ein vermehrter Rückzug ins Privatleben, verminderte Engagementbereitschaft und wachsende Unzufriedenheit. Auf diese Weise scheinen Selbstwirksamkeitserwartungen einen wichtigen Indikator für die Beurteilung oder Kritik der Qualität von Weltbeziehungen insgesamt zu liefern.

Dabei lassen sich generelle Selbstwirksamkeitserwartungen, die sich auf die Weltbeziehung als solche richten, von spezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen unterscheiden, welche die Einschätzung eigener Fähigkeiten und Kontrollmöglichkeiten im Blick auf bestimmte Tätigkeitsbereiche betreffen. So mag ein Subjekt beispielsweise hohe Selbstwirksamkeitserwartungen hinsichtlich seiner fußballerischen Fähigkeiten, aber niedrige bezüglich seiner mathematischen Begabungen haben. Unabhängig davon aber gilt: Wer hohe Selbstwirksamkeitserwartungen hat, traut sich mehr zu, investiert mehr Energie in die Bewältigung von Schwierigkeiten, setzt sich anspruchsvollere Ziele und hält länger durch, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen. Ein spezifisches Charakteristikum von Selbstwirksamkeitserwartungen ist es darüber hinaus, dass sie in beide Richtungen tendenziell selbstverstärkend wirken: Wer die Erfahrung macht, etwas zu können und zu meistern (sei es, einen Freistoß ins Tor zu befördern oder eine Mathematikaufgabe zu lösen), erhöht seine Selbstwirksamkeitserwartung, was zur Folge hat, dass er oder sie sich mehr zutraut, größere Freude an der entsprechenden Tätigkeit hat und daher mehr übt und infolgedessen das nächste Mal noch erfolgreicher agiert, während umgekehrt ein Misserfolgserlebnis das Selbstvertrauen und die „Lust“ auf die entsprechende Tätigkeit untergräbt und infolgedessen die Scheiternswahrscheinlichkeit erhöht.

„Wer über hohe Selbstwirksamkeitserwartungen verfügt, zeigt – wenig überraschend – weniger Angst- und Stresssymptome, vor allem aber verfügt er über mehr und stärkere intrinsische Interessen.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Wer über eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung verfügt, wird weit eher geneigt sein, die Welt als ein Feld (erregender) Herausforderungen wahrzunehmen, als jemand, der sich kaum zutraut, die Umstände zu kontrollieren und Pläne zu realisieren. Niedrige Selbstwirksamkeitserwartungen (und Kontrollüberzeugungen) lassen die Welt tendenziell als Feld von Bedrohungen erscheinen. Das Subjekt wird dann (in der Sprache Machiavellis formuliert) zu einem Spielball der fortuna, des Glücks und des Schicksals, anstatt durch eigene virtù (Tugend) den Weltlauf oder zumindest die eigene Position in der Welt gestalten zu können. Dabei scheinen Selbstwirksamkeitserwartungen auch einen prägenden Einfluss auf die Angst- und Begehrensstruktur zu haben: Wer über hohe Selbstwirksamkeitserwartungen verfügt, zeigt – wenig überraschend – weniger Angst- und Stresssymptome, vor allem aber verfügt er über mehr und stärkere intrinsische Interessen.

So weit, so gut. Aber was bedeuten die Befunde der empirischen Selbstwirksamkeitsforschung tatsächlich? Meines Erachtens eröffnen sie den Spielraum sowohl für eine instrumentalistisch-kausalistische als auch für eine resonanztheoretische Deutung, wobei die psychologische Forschung bisher erkennbar der ersteren zuneigt. Danach ginge es bei der Selbstwirksamkeit um die Fähigkeit, Interessen zu verfolgen, Ziele zu erreichen, Welt (und andere Menschen) berechnen und beherrschen zu können und die eigenen Pläne möglichst ohne Abstriche umzusetzen. So verstanden bezögen sich Selbstwirksamkeitserwartungen auf stumme Weltbeziehungen; sie wären umso höher, je erfolgreicher ein Subjekt in der Verfolgung und instrumentellen Umsetzung seiner Absichten wäre.

Dagegen spricht jedoch eine große Zahl von Evidenzen, die nahelegen, dass die „positive“ Wirkung von Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht von der instrumentellen Wirksamkeit der Handlungen, sondern von ihrer resonanz- und beziehungsstiftenden Qualität ausgeht. Wie bereits Banduras Untersuchungen zeigen, steigt das intrinsische Interesse an einem Weltausschnitt oder Tätigkeitsbereich nicht mit dem Erfolg oder der „Belohnung“ für ein Engagement, sondern mit der Erfahrung, selbst etwas bewirken, Welt erreichen zu können. Nicht die bewirkten Ergebnisse sind das Entscheidende, sondern die Erfahrung der sich im Prozess ergebenden Wechselwirkung. In ähnlicher Weise hat die Unterrichtsforschung deutlich gemacht, dass der entscheidende Faktor für die Qualität des Unterrichtsgeschehens darin liegt, dass Lehrer davon überzeugt sind, ihre Schüler erreichen zu können.[4]

„Das intrinsische Interesse an einem Weltausschnitt oder Tätigkeitsbereich steigt nicht mit dem Erfolg oder der „Belohnung“ für ein Engagement, sondern mit der Erfahrung, selbst etwas bewirken, Welt erreichen zu können.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Nicht zufällig spielt dabei die kollektive Selbstwirksamkeitsüberzeugung eine entscheidende Rolle: In Formen des gemeinsamen Handelns machen Individuen nicht nur die Erfahrung sozialer Resonanzbeziehungen, in denen sie sich wechselseitig erreichen, antworten und verstärken, sondern sie erleben auch ihre Fähigkeit, etwas erreichen und bewegen zu können, mithin also gleichsam weltwirksam zu sein. In ebendiesem Sinne sieht Hannah Arendt Welt überhaupt erst im kollektiven Handeln und in der damit einhergehenden Erfahrung des gemeinsamen Gestaltenkönnens entstehen, so dass ihr moderne Subjekte ohne diese Erfahrung als gleichsam weltarm oder weltlos erscheinen:[5] Sosehr auch ihre individuellen Wahlmöglichkeiten und Optionen gestiegen sein mögen, so wenig werden sie dadurch in die Lage versetzt, Weltresonanz im Sinne kollektiver Selbstwirksamkeitserfahrung zu erleben. Tatsächlich lassen sich politische Positionen nicht zuletzt danach unterscheiden, in welches Verhältnis sie individuelle und kollektive Selbsterwartungen setzen. In dem sich durch die Geschichte der Moderne ziehenden Streit zwischen eher republikanischen und eher liberal-individualistischen Politik- und Demokratieauffassungen, der zuletzt in der sogenannten „Kommunitarismusdebatte“ wieder aktuell wurde, steht so eine hohe Wertschätzung individueller Selbstwirksamkeit bei tiefsitzendem Misstrauen gegenüber kollektiver Gestaltungsmacht (die staats- und gemeinschaftsskeptische liberalindividualistische Position) einer umgekehrt starken Betonung kollektiver Selbstwirksamkeit bei reduziertem Vertrauen in die „atomistische“ individuelle Handlungsmacht (die kommunitaristische Position) gegenüber.[6]

Für eine Analyse der menschlichen Weltbeziehungen sind Selbstwirksamkeitserwartungen damit sowohl im Blick auf individuelle als auch auf kollektive Weltverhältnisse von essentieller Bedeutung, weil sie die Art der Beziehung zwischen Subjekt und Welt und auch zwischen Gemeinwesen und Welt bestimmen. Sie tun das, indem sie die Reichweite und die Grenzen des Realisier- und Gestaltbaren definieren: Wie viel können die Menschen ausrichten in der Welt – und gegebenenfalls auch gegen die Welt? Inwiefern kann ein Subjekt seine Position in der und seinen Lebensweg durch die Welt selbst gestalten, inwiefern hat es einfach hinzunehmen, was die Welt (oder das Schicksal) für es bestimmt haben? Das moderne Programm der systematischen individuellen wie kollektiven, wissenschaftlichen wie technischen, ökonomischen wie politischen Reichweitenvergrößerung und Ressourcenvermehrung ist daher durchaus auf die Erhöhung von Selbstwirksamkeit hin angelegt, allerdings auf eine Selbstwirksamkeit, die einseitig auf Beherrschung und damit auf stumme und verdinglichte Weltbeziehungen ausgerichtet ist. Vielleicht lässt sich auf diese Weise das auf Wachstum, Beschleunigung und Reichweitenvergrößerung gerichtete, einseitige Steigerungsprogramm der Moderne reinterpretieren als ein letztlich von Resonanzerwartungen getriebenes Programm zur Verbesserung von Selbstwirksamkeit, dem ein fundamentales Missverständnis zugrunde liegt: Der Irrtum der Moderne bestünde dann nicht in der Hoffnung, durch die Erhöhung von Selbstwirksamkeitserwartungen eine Verbesserung der Weltbeziehung und damit der Lebensqualität zu suchen, sondern in der Verwechslung einer stummen, auf Beherrschung und Verfügbarmachung ausgerichteten und ergebnisorientierten Selbstwirksamkeit mit der Erfahrung resonanter, einwirkender, prozessorientierter und antwortorientierter Selbstwirksamkeit, welche nicht nur mit dem stets Unverfügbaren, Nichtbeherrschbaren, Widerständigen rechnet, sondern auf dieses sogar konstitutiv angewiesen bleibt. Das bedeutet aber auch, dass die Selbstwirksamkeitsstrategie der Moderne nicht per se falsch, sondern nur einseitig ist; dass sie zwar gewaltiges Entfremdungspotential birgt, aber zugleich die Ressourcen für resonante Weltbeziehungen bereitstellt.

Dieser Text beruht auf Abschnitten aus dem Buch:
Hartmut Rosa: „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“, Berlin 2016, insbesondere S. 270ff.


[1] Albert Bandura, „Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change“, in: Psychological Review 84 (1977), S.191-215; ders., „Self-Efficacy Mechanism in Human Agency“, in: American Psychologist. Journal of the American Psychological Association 37 (1982), S.122-147; ders., „Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning“, in: Educational Psychologist 28 (1993), S. 117-148.

[2] Lars Satow, Ralf Schwarzer, „Entwicklung schulischer und sozialer Selbstwirksamkeitserwartung. Eine Analyse individueller Wachstumskurven“, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht 50 (2003), S. 168-181; Aleksandra Luszczynska u. a., „General Self-Efficacy in Various Domains of Human Functioning: Evidence from Five Countries“, in: International Journal of Psychology 40 (2005), S. 80-89; Aleksandra Luszczynska u. a., „The General Self-Efficacy Scale. Multicultural Validation Studies“, in: The Journal of Psychology 139 (2005), S. 439-457; vgl. auch Matthias Jerusalem, Diether Hopf (Hg.), Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen, Weinheim 2002.

[3] Bandura, „Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning“, S.118 (meine Übersetzung, HR).

[4] Jerusalem/Hopf (Hg.), Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen.

[5] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1994.

[6] Axel Honneth (Hg.), Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, Frankfurt/M., New York 1992; Hartmut Rosa, Identität und kulturelle Praxis. Politische Philosophie nach Charles Taylor, Frankfurt/M., New York 1998; Rainer Forst, Kontexte der Gerechtigkeit. Politische Philosophie jenseits von Liberalismus und Kommunitarismus, Frankfurt/M. 1994.

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Die „MINTy Girls“ haben Berufsstereotypen den Kampf angesagt https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/10/weltbeweger-minty-girls/ Tue, 10 Sep 2019 09:37:23 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=942 Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ein Feld, das man lieber den „Jungs“ überlassen sollte? Von wegen, sagen Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre. Die drei Studentinnen der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt sind fest... Weiterlesen →

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Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ein Feld, das man lieber den „Jungs“ überlassen sollte? Von wegen, sagen Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre. Die drei Studentinnen der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt sind fest entschlossen: Sie wollen eine neue Generation an selbstbewussten Mädchen in den sogenannten MINT-Bereichen fördern. Und haben dafür ihr eigenes Startup gegründet – die „MINTy Girls“.

„Verschiedene Studien zeigen, dass Mädchen in Deutschland bereits im Alter von etwa elf Jahren das Interesse an MINT-Fächer verlieren“, erläutert Sonia Gonzales. Das Ergebnis: Nicht einmal jeder dritte Ingenieur ist weiblich. In den vergangenen Jahren gab es laut Aussage des Instituts der Deutschen Wirtschaft einen Rückgang der Frauen in MINT-Berufen von sechs Prozent im Jahr 2005, auf nur 2,6 Prozent im Jahr 2016. „Erschwerend kommt hinzu, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen eher dazu neigen, ihre mathematischen Fähigkeiten zu unterschätzen. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir ein neues Interesse bei den Mädchen wecken und ihr Selbstvertrauen stärken – am besten noch bevor sie in die fünfte Klasse kommen.“ Und Nicole Oubre ergänzt: „Dafür ist es wichtig, Stereotype zu überwinden, die vermeintlich vorgeben, wer in welchen Beruf gehört.“

Und genau das haben sich die drei Gründerinnen mit den „MINTy Girls“ zur Aufgabe gemacht. Sie wollen Workshops und Bootcamps für Mädchen ab acht Jahre anbieten, die dabei von weiblichen Vorbildern geleitet werden und in denen deren Kreativität und das Interesse in MINT-Fächern nicht nur geweckt, sondern auch langfristig gefördert wird. Ihre Idee entstand bei einem Social Entrepreneurship-Seminar an der Universität Erfurt. Darin sollten die Studentinnen eine Geschäftsidee entwickeln, die einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet. Die „MINTy Girls“ wurden aus der Taufe gehoben. Aber es sollte nicht bei der Idee bleiben: Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre machten sich auf den Weg, Unterstützer zu finden und ihr Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. „Wir haben in unserem direkten Umfeld überwältigende Unterstützung erhalten. Unsere Professorin, Heike Grimm, hat uns vom ersten Tag an sehr ermutigt. Zudem haben wir Hilfe vom Gründerservice der Universität erhalten. Und das positive Feedback, das wir während der Investor Days Thüringen von den Menschen bekommen haben, die an unseren Stand gekommen sind, hat uns natürlich zusätzlich motiviert. Viele haben uns gesagt, wie wichtig unser Programm ist, und dass sie ihre Töchter anmelden wollen“, erklären die drei Studentinnen.

„Wir müssen das einfach tun. Wir haben die Fähigkeiten und den Mut zu diesem Startup und wir sind die richtigen Frauen für diesen Job.“

Für ihren Pilot-Workshop haben sie inzwischen nicht nur eine Erfurter Schule gefunden, sondern auch ein lokales Unternehmen, das sie bei ihrer Arbeit unterstützt. Im November wird es losgehen. Und im Sommer 2020 sollen die ersten Camps für Mädchen stattfinden. Auf die Frage, wie ihr mittelfristiges Ziel aussieht, müssen sie nicht lange überlegen: Ariana, Sonia und Nicole wollen ihreMINTy Girls“-Workshops und Bootcamps in ganz Deutschland anbieten und darüber hinaus eine Online-Plattform schaffen, mit der sie so viele Mädchen wie möglich erreichen können. „Wir wollen eine Marke werden“, sagen sie selbstbewusst. „Eine Marke, die junge Mädchen inspiriert und ihnen berufliche Chancen eröffnet, an die sie vielleicht heute noch gar nicht denken.“ Dafür wollen die drei jungen Frauen nicht nur mit Schulen, sondern auch mit Gemeinden und Unternehmen zusammenarbeiten. Was es dafür braucht? Ideen, Mut und Durchsetzungskraft. Haben sie. Weitere Investoren. Die suchen sie noch. Aber die Studentinnen wissen, dass sie ihnen auch etwas anzubieten haben: „Wir bieten nicht nur die Möglichkeit, ihr Geld gewinnbringend anzulegen, sondern auch das soziale Kapital der Gesellschaft zu erhöhen. Der Arbeitskräftemangel im MINT-Bereich ist enorm. Allein in der IT gibt es fast 60.000 offene Stellen und diese Zahl wächst. Investitionen zur Schließung der MINT-Lücke sind also sowohl sozial als auch wirtschaftlich sinnvoll.“

Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre sind voller Energie. Und Zuversicht. „Wir müssen das einfach tun“, sagen sie. „Wir haben die Fähigkeiten und den Mut zu diesem Startup und wir sind die richtigen Frauen für diesen Job.“ Klingt sehr selbstbewusst? „Naja, das war nicht von Anfang an so“, sagt Ariana. „Natürlich hatten wir auch Zweifel. Wir sind drei Frauen, die nicht aus Deutschland, sondern den USA und aus Peru kommen. Wir lieben dieses Land, aber wir hätten nie gedacht, dass wir während des Studiums ein Unternehmen in einem fremden Land gründen würden! Die Sprache war natürlich erstmal eine Barriere, aber wir lernen so schnell wie möglich Deutsch. Und inzwischen wissen wir, dass wir das, was wir uns vorgenommen haben, wirklich schaffen können. Das ist schon ein tolles Gefühl.“

Übrigens: Für die Workshops suchen Ariana, Sonia und Nicole noch Studierende, die sie ehrenamtlich bei der Durchführung unterstützen. Wer Lust hat, dabei zu sein, kann sich unter E-Mail: info@mintygirls.com melden.

Weitere Informationen:
www.mintygirls.com

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Selbstwirksamkeit und Resilienz im Lehrerberuf – Welchen Wert hat berufsbezogenes Wohlbefinden und wie kann es gefördert werden? https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/10/perspektiven-benjamin-dreer/ Tue, 10 Sep 2019 08:21:30 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=851 Dass schulische Bildungsprozesse erfolgreich sein können, setzt in entscheidender Weise die Leistungsfähigkeit und Motivation der im Schulsystem aktiven Lehrkräfte voraus. Seit einigen Jahren wird deshalb verstärkt das Wohlbefinden von Lehrkräften als ein relevanter Faktor für die erfolgreiche Ausübung ihres Berufs... Weiterlesen →

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Dass schulische Bildungsprozesse erfolgreich sein können, setzt in entscheidender Weise die Leistungsfähigkeit und Motivation der im Schulsystem aktiven Lehrkräfte voraus. Seit einigen Jahren wird deshalb verstärkt das Wohlbefinden von Lehrkräften als ein relevanter Faktor für die erfolgreiche Ausübung ihres Berufs herausgestellt. Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihrem Beruf zufrieden sind und sich im Hinblick auf die typischen Anforderungen selbstwirksam fühlen, gehen nicht nur ihren Arbeitsaufgaben engagierter nach und sind in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern erfolgreicher. Sie fühlen sich oft auch weniger belastet und geben den Beruf seltener vor dem Erreichen des Ruhestands auf. Wohlbefinden speist sich jedoch nicht allein aus der Abwesenheit von Konflikten und der Beherrschung von Belastungen, wie der Psychologieprofessor Robert Biswas-Diener in seiner eingängigen Segelboot-Metapher deutlich macht: Um die Strömungen des anforderungsreichen beruflichen Alltags zu bewältigen, ist ein solides Boot erforderlich, das mindestens Rumpf, Ruder und Segel besitzt. Die täglichen Beanspruchungen schlagen und bohren uns unablässig Löcher in den Rumpf, die es wieder zu verschließen gilt, wollen wir uns über Wasser halten. Das Schließen von Löchern allein leistet aber keinen Beitrag zum eigentlichen Fortkommen. Es erscheint mindestens ebenso wichtig, sich darin zu üben, die Segel und den Kurs zu setzen. Dabei gilt es wohl auch zu akzeptieren, dass sich das Eindringen von Wasser in unser Boot nie so ganz verhindern lässt.

In der Forschung zum Lehrerberuf und in der Praxis der Aus- und Fortbildung haben wir uns in der Vergangenheit viel stärker um den Rumpf, als um die Segel gekümmert. In Studien wurde ein starker Fokus auf die Beantwortung von Forschungsfragen in Zusammenhang mit Belastung, Beanspruchung und den damit verbundenen Folgen, wie z.B. Burnout gelegt. Dies zeigt sich zum Beispiel am Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf, das ein umfangreiches Kapitel über die Forschung zur Belastung und Beanspruchung, aber nicht einen Beitrag enthält, der Erkenntnisse zur Förderung positiver Arbeitsbedingungen und -umgebungen verspricht.

„Erkenntnisse dazu, wie sich positive Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen fördern lassen, die eine erfolgreiche Berufsausübung begünstigen, müssen innerhalb der Forschungsarbeiten zum Lehrerberuf schon mit einigem Aufwand gesucht werden.“

Dr. Benjamin Dreer

In der Lehrerausbildung und in Fortbildungsangeboten überwiegen Angebote zum Selbst- und Zeitmanagement, zu Stressvermeidung und -reduktion sowie zum Umgang mit Belastungen. In den Begleitunterlagen von Workshops finden sich mitunter Hinweise auf Burnout-Klinken und Verlage veröffentlichen Fachbücher zu Themen wie „Lehrer unter Druck“ oder „Lebenslang Lehrer?“. Erkenntnisse dazu, wie sich positive Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen fördern lassen, die eine erfolgreiche Berufsausübung begünstigen, müssen innerhalb der Forschungsarbeiten zum Lehrerberuf schon mit einigem Aufwand gesucht werden. Dies gilt auch für Angebote in Aus- und Fortbildung, die nicht nur versprechen, Werkzeuge zur Steigerung des berufsbezogenen Wohlbefindens anzubieten, sondern auch in ihrer Wirksamkeit geprüft sind.

Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass wer gut im Stopfen von Löchern ist, nicht automatisch auch gut im Segeln sein muss. Erst seit einigen Jahren sind auch in Deutschland vereinzelte Initiativen in Praxis und Forschung zu beobachten, die ihren Blick in Richtung „Segel und Ruder“ richten. Angeschoben durch einen gesamtgesellschaftlichen Trend zur Selbstoptimierung sind Workshops und Publikationen zu Themen wie Glück oder Achtsamkeit im Lehrerberuf inzwischen nicht mehr so selten und durchaus nachgefragt. Lachseminare sollen Lehrkräften Erkenntnisse der Gelotologie – der Wissenschaft der Auswirkungen des Lachens – nahebringen. Während „der Markt“ recht eindeutig zeigt, dass hierzu ein Bedarf besteht, macht die Wissenschaft nur recht kleine Erkenntnisfortschritte in diesem Bereich. Dabei lassen sich in zahlreichen Forschungsarbeiten beispielsweise der positiven Psychologie vielversprechende Ansätze finden, die auf die Forschung zum Lehrerberuf übertragbar wären. So konnte wiederholt gezeigt werden, dass das Praktizieren einfacher Übungen zu Themen wie Dankbarkeit oder Freundlichkeit z.B. bei Personen, die im Management arbeiten, zu einer nachhaltigen Steigerung von Berufszufriedenheit und Engagement führt.

Angeregt durch diese Erkenntnisse habe ich mich – nachdem ich selbst eine Zeit lang Kurse zur Belastung im Lehrerberuf angeboten hatte – dazu entschieden, mich dem Thema berufsbezogenem Wohlbefinden stärker zuzuwenden. So sind verschiedene Initiativen zum Teil auch in Zusammenarbeit mit Studierenden entstanden.

Zuerst haben wir ein Interventionsprogramm zusammengestellt, das aus kleinen Anleitungen für positive Aktivitäten für den Lehrerberuf besteht. Darin wird beispielsweise angeregt, sich die Vorteile des eigenen Berufs genüsslich vor Augen zu führen, kleine Highlights des Schulalltags zu zelebrieren oder aber Elternkontakt bewusst positiv auszugestalten. Um die Wirkung des Programms zu überprüfen, haben wir die freiwillig angemeldeten 310 Lehrkräfte in zwei Gruppen unterteilt. Während die eine Gruppe, über die Dauer von zwei Wochen jeden zweiten Werktag eine E-Mail mit einer einladenden Übungsanleitung erhielt, bekam die andere Gruppe ansprechend gestaltete Inspirationskärtchen (mit Zitaten und Bildern) zugeschickt wie sie überall auch in den sozialen Netzwerken zu finden sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die Berufszufriedenheit und das berufsbezogene Engagement derjenigen Lehrerinnen und Lehrer bedeutsam anstieg, die sich über zwei Wochen mit den Übungen befassten. Diese Teilenehmenden berichteten am Ende des Programms außerdem über eine verringerte subjektive Belastung. In der Gruppe mit den Inspirationskärtchen konnten hingegen keine bedeutsamen Veränderungen beobachtet werden.

Angeregt durch diese vielversprechenden Ergebnisse war ein nächstes Ziel dann, solche Übungen auch mit angehenden Lehrkräften, also Studierenden im Praktikum, zu erproben. Dabei stellte sich die Herausforderung, dass die angehenden Lehrkräfte je nach Praktikumsschule über sehr unterschiedliche Handlungsfreiheiten verfügen. Deshalb wurden solche Aktivitäten gewählt, die möglichst unabhängig von der konkreten Situation an der jeweiligen Praktikumsschule durchgeführt werden konnten. Interessant ist, dass sich diese Entscheidung offenbar auch in den Ergebnissen widerspiegelt. Die angehenden Lehrkräfte profitierten nämlich von der Teilnahme an dem Angebot vor allem im Hinblick auf Faktoren des allgemeinen Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden). Ihre Berufszufriedenheit und das berufsbezogene Engagement blieben hingegen relativ konstant. Hier besteht also noch Entwicklungspotenzial hinsichtlich des Anpassungsgrads der Übungen an die berufliche Umwelt. Insgesamt stimmen die Ergebnisse dieser ersten Initiativen aber zuversichtlich, was die Förderbarkeit von Wohlbefinden im Lehrerberuf betrifft. Die Erprobung weiterer Ansätze ist bereits in Planung.

Übrigens: Wer sich für solche Übungen interessiert, aber nicht an einem Online-Programm teilnehmen möchte, kann auch einen Blick auf das Anfang 2019 im Beltz-Verlag erschienene Kartenset „Positivity – 34 Impulskarten für positives Denken und Handeln im Lehrerberuf“ werfen.

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„Das Weibliche hat etwas Anderes“: Anne Rademacher leitet als eine der ersten Frauen in Deutschland ein katholisches Seelsorgeamt https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/09/weltbeweger-anne-rademacher/ Mon, 09 Sep 2019 08:00:48 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=938 Es heißt „Nomen est Omen“, also „der Name ist ein Vorzeichen“. Unter diesem Gedanken mutet es direkt ein wenig sarkastisch an, wenn man bedenkt, wo das Herz des Bistums Erfurt schlägt. Nämlich am Herr-mannsplatz. Hier, im Schatten des Erfurter Doms... Weiterlesen →

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Es heißt „Nomen est Omen“, also „der Name ist ein Vorzeichen“. Unter diesem Gedanken mutet es direkt ein wenig sarkastisch an, wenn man bedenkt, wo das Herz des Bistums Erfurt schlägt. Nämlich am Herr-mannsplatz. Hier, im Schatten des Erfurter Doms – dem regionalen Symbol einer von Männerhand regierten Weltkirche – liegt das bischöfliche Ordinariat, die oberste Verwaltungsstelle des Bistums.

Und von hier gehen einige seiner wichtigsten Adern ab: das Priesterseminar in der Holzheienstraße, die katholische Akademie am Fischersand und auch das Seelsorgeamt in der Regierungsstraße. Die verschiedenen Einrichtungen greifen ineinander, ergänzen und stützen sich und tragen dazu bei, dass sich Katholikinnen und Katholiken in Erfurt und Umland ein kultureller Raum bietet, in dem sie ihren Glauben leben und gestalten können.

Doch die Gemeinschaft am Herrmannsplatz ist keine reine Herrenrunde. Obgleich die katholische Kirche Frauen nicht zu Priesterinnen weiht und ihnen damit den Zugang zu klerikalen Leitungsposten verwehrt, gibt es sie doch: Frauen, die Kirche machen. So auch im Seelsorgeamt. Hier gibt seit sieben Jahren eine Alumna der Universität Erfurt den Ton an – und dieser Ton ist dezidiert weiblich.

„Es muss ein Zueinander der Geschlechter geben.“

Anne Rademacher

Anne Rademacher schloss 1998 ihr Studium der katholischen Theologie in Erfurt ab. Damals noch am Philosophisch-Theologischen Studium, aus dem 2003 die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt hervorging. 2011 wurde sie an der Reformuniversität promoviert. Ein Jahr später trat sie die Stelle als Leiterin des Seelsorgeamtes an. Seither plant sie die „Pastoral“ und deren Entwicklung im Bistum.

Ihr Büro in der Regierungsstraße ist groß. Fast ein wenig zu groß für die eher spartanische Einrichtung. Das Einzige, wovon es hier reichlich gibt, sind Aktenberge, unter denen sich ihr Schreibtisch biegt. Die Stapel sind mehr als nur ein Sinnbild für all die Arbeit, die täglich über ihren Tisch wandert. Und all die Verantwortung.

Als Anne Rademacher 2012 die Leitung des Seelsorgeamtes übernahm, war sie damit bundesweit erst die zweite Frau in dieser Position. Seither ist viel an der Geschlechterfront der katholischen Kirche geschehen: Heute unterstehen immerhin schon acht Seelsorgeämter in deutschen Bistümern einer weiblichen Leitung. In einer Kirche, in der es nur exklusiv männliche Priester gibt, gäbe es zunehmend auch einen Blick dafür, dass es in den Gemeinden „dennoch ein Zueinander der Geschlechter geben muss, dass es beide Geschlechter braucht“, befindet die Theologin.

„Ich bekomme nicht automatisch den Platz vorn auf der Altarinsel zugewiesen. Das macht einen Unterschied.“

Anne Rademacher

Dass es in Ergänzung zur männlich geprägten Denkmustern auch eine spezifisch weibliche Perspektive auf Kirche braucht, liegt für Rademacher auf der Hand. Auch weil sich in ihr „eine andere Herangehensweise“ verberge. „Das Weibliche hat etwas Anderes“, erklärt sie. „Das erlebe ich auch an mir selbst. Es ist die Perspektive aus dem normalen Gottesvolk, die ich habe.“

Diesen Perspektivwechsel erläutert die Katholikin lebensnah anhand ihres eigenen Alltags: Wenn sie etwa ein Gottesdienst besucht, dann sucht sie sich einen Platz im Kirchenschiff wie alle anderen auch. „Ich bekomme nicht automatisch den Platz vorn auf der Altarinsel zugewiesen. Das macht einen Unterschied.“ Sobald sie ein Gotteshaus betrete, sei sie „ein normales Kirchenmitglied“, kein herausgestellter Amtsträger wie der Priester, der die Messe leitet. Und genau das habe „einen gewissen Charme, weil das ja genau die Perspektive ist, die die Leute haben, mit denen wir Kirche gemeinsam gestalten wollen“, sagt die Seelsorgeamtsleiterin.

Ihre Einschätzung steht im Einklang mit einem kritischen Diskurs, der derzeit über Formen des Klerikalismus in der katholischen Kirche geführt wird. Es geht dabei um die Macht von Klerikern, also Geistlichen, gegenüber Laien, also den Nicht-Geweihten. Und es geht um die Frage, wie Kirche gemeinsam gestaltet, wie sie gemeinsam erneuert werden kann, ohne den einen zu bevorzugen und den anderen zu benachteiligen.

Gemeinsam zu gestalten, ist der gebürtigen Thüringerin, die in Frankfurt (Oder) und damit in der tiefsten Diaspora – also einem Kulturraum, in dem katholische Christen eine Minderheit darstellen – aufgewachsen ist, ein großes Anliegen. Gerade auch in ihrer Funktion als Amtsleiterin, als Vorgesetzte und als Personalverantwortliche. Dass es dabei „typisch männlich“- und „typisch weiblich“-sozialisierte Eigenschaften gibt, davon ist Anne Rademacher überzeugt. Männer hätten demnach die Neigung, einen eher autoritären Leitungsstil zu verfolgen. Frauen hingegen setzen nach ihrer Einschätzung deutlich mehr aufs Verhandeln. „Daraus ergibt sich eine kommunikativere Form der Leitung“, urteilt sie.

„Mir war eine kollegiale Form der Leitung wichtig.“

Anne rademacher

Ein solch kommunikativer Führungsstil zeichnet seit jeher die Arbeit der Theologin aus. Als sie vor sieben Jahren die Leitung im Seelsorgeamt übernahm, zog sie als erstes eine Zwischenebene in dessen Organisationsstruktur ein. „Davor war es so, dass man entweder Referentin sein konnte oder Chefin. Dazwischen gab es nichts“, erinnert sie sich.

Heute hat Anne Rademacher vier Bereichsleiter ‚unter sich‘, zwei davon sind Frauen. Ihr sei eine „kollegiale Form der Leitung“ wichtig, betont sie. Um klar abgrenzbare Zuständigkeiten zu schaffen, aber auch um amtsintern eine neue Gesprächskultur zu etablieren, die einen Dialog auf verschiedenen Ebenen ermöglicht und den Prozess einer gemeinsamen Entscheidungsfindung fördert. Wenn Frauen Leitung übernehmen, dann sei das einfach „ein anderer Stil“, befindet die Alumna der Uni Erfurt.

Ihre Einschätzung wirft die Frage auf, ob vielleicht genau dieser Stil der katholischen Kirche einen Ausweg aus ihrer aktuellen Imagekrise zeigen kann. Schließlich krankt die Weltkirche massiv an dem Vorwurf, als Institution zu einseitig, zu sehr männlich dominiert zu sein. „Ich glaube, für sich genommen nicht“, urteilt sie nach einer kurzen Gedankenpause. „Der weibliche Stil läuft manchmal durchaus auch Gefahr, keine Entscheidungen zu treffen. Doch genau die müssen natürlich auch sein.“

Es sei deshalb eine Kombination aus vermeintlich maskulinen und femininen Kommunikationspraktiken, die es brauche, resümiert die Theologin. Damit bekennt sie sich abschließend einmal mehr zu einem Denken, das von einem tiefen Bedürfnis nach Dialog und Austausch getragen wird – einem durch und durch kommunikativen Führungsstil eben.

Foto: Nadine Grimm, Bistum Erfurt

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