Sarah – Weltbeweger https://weltbeweger.uni-erfurt.de Eine Kampagne der Universität Erfurt Fri, 25 Oct 2019 10:58:44 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.7.4 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/wp-content/uploads/2019/08/3217Logo_Uni_hellgrau.png Sarah – Weltbeweger https://weltbeweger.uni-erfurt.de 32 32 Prof. Dr. Marcel Helbig deckt soziale Missstände auf https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/21/weltbeweger-marcel-helbig/ Mon, 21 Oct 2019 10:41:23 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=1004 Über das „Schwert der Wissenschaft“ etwas bewegen, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und Diskurse anstoßen – etwas, das Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Uni Erfurt und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), mit seinen... Weiterlesen →

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Über das „Schwert der Wissenschaft“ etwas bewegen, auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und Diskurse anstoßen – etwas, das Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Uni Erfurt und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), mit seinen verschiedenen Studien verfolgt und ihn antreibt. Als gefragter Experte für das Themengebiet soziale Ungleichheit – insbesondere in den Bereichen Bildungs- und Stadtsoziologie – steht er mittlerweile regelmäßig in der Öffentlichkeit und macht auf soziale Problemlagen aufmerksam…

Dabei habe er die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Laufbahn und das Thema Ungleichheit erst relativ spät für sich entdeckt. „Gegen Ende des Master-Studiums an der HU Berlin wurde mir durch Seminare im Bereich der Bildungssoziologie immer mehr bewusst, wie ungerecht das deutsche Schulsystem ist und wie sehr die Bildungswege davon abhängen, in welchem Elternhaus man geboren ist“, führt er aus: „Und oftmals wird in der Öffentlichkeit nicht reflektiert, dass es dafür durchaus strukturelle Gründe gibt. Darauf hinzuweisen, war mir immer wichtig.“ Helbig selbst stammt aus einer Arbeiterfamilie und erinnert sich noch an seine anfänglichen Zweifel hinsichtlich eines Studiums. Bildung im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit zählt bis heute zu einem seiner zentralen Forschungsthemen. Vor diesem Hintergrund legt der gebürtige Erfurter mittlerweile auf das Thema der Privatschulen ein besonderes Augenmerk. „Bei der sozialen Zusammensetzung von privaten und öffentlichen Schulen sieht man die Ungleichheit einfach extrem. Und in der Gesellschaft gilt es als normal, dass sich eben nicht jeder den Besuch einer Privatschule leisten kann.“ Dies stehe jedoch dem Grundgesetz entgegen, denn: „Private Schulen müssen für alle Kinder offenstehen, deswegen bekommen sie schließlich auch Förderung vom Staat“, erklärt der Sozialwissenschaftler.

„Ich wollte weniger Theorien aus dem wissenschaftlichen ‚Elfenbeinturm‘ nacheifern, als vielmehr schauen, inwieweit die jeweilige Fragestellung relevant für die Gesellschaft ist.“

Prof. Dr. Marcel Helbig

Über die intensivere Betrachtung der Privatschulen in Berlin entwickelte sich die soziale Spaltung in Städten zu einem weiteren Forschungsstrang, zu dem er gemeinsam mit Stefanie Jähnen vom WZB im vergangenen Jahr eine vielbeachtete Studie veröffentlichte. „Die Studie zur sozialen Segregation wurde unglaublich breit in der Öffentlichkeit angenommen. Innerhalb von zwei Tagen hatten wir fast 100 Pressemeldungen“, erzählt Helbig. Und nicht nur das. Für den Sozialforscher folgten darauf Fernsehauftritte und mehr als 40 Vorträge. Neben diversen Veranstaltungen in Erfurt standen u.a. Termine in verschiedenen Stadträten, bei dem Gesamtverband der Wohnungswirtschaft und auch in der Kabinettssitzung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Programm. Was ihn dazu motiviert? „Über diese ganzen Geschichten sammelt man gute Verbindungen in Stadt und Land – am Ende die Verbindungen, die es braucht, um lokal etwas bewegen und mitreden zu können.“ So arbeitete Helbig aktuell beispielsweise am zweiten Thüringer Sozialstrukturatlas mit, der neben der Analyse sozialer Problemlagen, auch klare Handlungsempfehlungen an die politischen Entscheidungsträger beinhaltet.

Etwas, das seinen verschiedenen Studien gemein ist: Valide Daten als Forschungsgrundlage und eine starke Ausrichtung an der Öffentlichkeit. Denn bereits durch erste Veröffentlichungen während seiner Dissertationszeit wurde dem heute 39-Jährigen bewusst, dass Wissenschaft durchaus in die Gesellschaft wirken kann – ein Aspekt, der handlungsleitend für seine weitere Forschung werden sollte. „Ich wollte weniger Theorien aus dem wissenschaftlichen ‚Elfenbeinturm‘ nacheifern, als vielmehr schauen, inwieweit die jeweilige Fragestellung relevant für die Gesellschaft ist – und im weiteren Schritt, wie man mit den vorliegenden Ergebnissen eine positive Veränderung erzielen kann.“

„Als Forscher erzähle ich den Leuten natürlich nicht, was sie tun sollen. Vielmehr lege ich den Finger in die Wunde und versuche den jeweiligen Entscheidungsträgern Input und Argumentationsgrundlagen zu liefern.“

Prof. Dr. Marcel Helbig

Ob es bei all der positiven Resonanz auch Schattenseiten gibt? „Ist ein Thema einmal in der Öffentlichkeit, gibt man es auch immer ein bisschen aus der Hand – je nachdem, welche Prämisse die Journalisten setzen.“ So wurde in den Meldungen zur Segregationsstudie oft von „Ghettoisierung“ gesprochen, „obwohl wir diesen Begriff nur an einer Stelle im Zusammenhang mit dem USA verwendet haben“, gibt er zu bedenken. Und nicht nur deswegen müsse man sich als Forscher ein „dickes Fell“ zulegen, wenn man Studien veröffentlicht, die sich auch an die Öffentlichkeit richten. „Für die ein oder andere Aussage, bekommt man auch schon mal Gegenwind. Als ich beispielsweise in einer Lokalzeitung direkt eine Privatschule in der Nähe kritisierte, sorgte dies insbesondere bei Facebook für große Aufregung“, erinnert sich Marcel Helbig. Und trotz des Trubels sei das Thema nach zwei Tagen wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden – somit auch ohne politische Konsequenzen.

„Am Ende braucht es eben immer noch die Politik oder Zivilgesellschaft, die auf ein Thema ‚aufspringen‘ muss. Deswegen darf man als Forscher nicht glauben, die Welt retten zu können“, erklärt er mit einem gewissen Pessimismus, der ihn jedoch nicht davon abhält, immer wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, Debatten anzustoßen und so Themen auf die politische Agenda zu bringen. Die Überzeugung und die Gewissheit, für eine wichtige Sache einzustehen, treiben den Sozialwissenschaftler an. Was er aber betont: „Als Forscher erzähle ich den Leuten natürlich nicht, was sie tun sollen. Vielmehr lege ich den Finger in die Wunde und versuche den jeweiligen Entscheidungsträgern Input und Argumentationsgrundlagen zu liefern. Und manchmal muss man dafür eben laut genug ‚brüllen‘, um gehört zu werden.“

Originalfoto: Bernhard Ludewig

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Mit dem Mut zum offenen Wort: Julia Knop treibt Reformen in der katholischen Kirche voran https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/08/weltbeweger-julia-knop/ Tue, 08 Oct 2019 10:32:58 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=961 „Ich empfinde die aktuelle Situation der katholischen Kirche als dramatisch“, erklärt Julia Knop. Fernab jeglicher Übertreibung fährt die Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt fort: „Ich habe den Eindruck, dass wahnsinnig viel auf dem Spiel steht, und ich denke,... Weiterlesen →

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„Ich empfinde die aktuelle Situation der katholischen Kirche als dramatisch“, erklärt Julia Knop. Fernab jeglicher Übertreibung fährt die Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt fort: „Ich habe den Eindruck, dass wahnsinnig viel auf dem Spiel steht, und ich denke, dass sich in den nächsten zwei, drei Jahren entscheidet, welche Zukunft die katholische Kirche in Deutschland hat: ob es ein vitaler, an der Gegenwart orientierter Katholizismus ist oder ein auf ein ganz bestimmtes Milieu verengter Retrokatholizismus.“ Ihre Prognose wirkt erschreckend, umso mehr, da sich die drohende Bedeutungslosigkeit der Kirche in ihren Zahlen widerspiegelt: Allein im vergangenen Jahr verließen hierzulande mehr als 200.000 Gläubige ihren Schoß. Damit ist 2018 das Jahr mit den zweitmeisten Kirchenaustritten seit dem Zweiten Weltkrieg. Für die Theologin „ein Katastrophenjahr“.

Im ‚Auge des Sturms‘ stehen dabei Themen, die an sich nicht neu sind: Es geht um kirchliche Sexualmoral, um priesterliche Lebensformen und um die Gleichberechtigung der Frau am Altar. Eigentlich ‚ein alter Hut‘, konstatiert die Wissenschaftlerin: „Diese Themen sind seit 40, 50 Jahren im Gespräch.“ Neu ist allerdings, dass man all diese Themen auch im kirchlichen Diskurs unter Zuhilfenahme eines politisch aufgeladenen Machtbegriffes debattiert. Macht, nicht in einem göttlich-legitimierten, sondern in einem ganz irdischen und damit fehlbaren Sinne: Macht zwischen Rom und der Ortskirche. Macht zwischen Klerikern und kirchlichen ‚Laien‘. Macht zwischen den Geschlechtern.

Und neu ist die Brisanz, mit der diese Debatte geführt wird. Ebenso wie die öffentliche Resonanz, die sie erfährt: „Die Grundakzeptanz seitens der Gläubigen ist nicht mehr da“, kommentiert Julia Knop die Haltung vieler Katholikinnen und Katholiken. „Man will es einfach nicht mehr hinnehmen: das Verschweigen kirchlicher Gewalt, die pseudoreligiöse Relativierung von Macht, die Sonderdiskurse, durch die vormoderne Vorstellungen und Strukturen fixiert werden sollen.“ Und dass man es nicht mehr hinnehmen will, dieser Umstand verdankt sich einem zunehmend kritisch-konstruktiven Diskurs, der gegen das strukturkonservative Denken vieler Kirchenverantwortlichen aufbegehrt. Einem Diskurs, den die Theologin nicht nur mitgestaltet, sondern in seiner aktuellen Form vielleicht sogar mitangestoßen hat.

„Die Kirche hat jeglichen Kredit verspielt.“

Prof. Dr. Julia Knop

Doch der Reihe nach. Was ist geschehen? Im Frühjahr 2019 traf sich im niedersächsischen Lingen die Deutsche Bischofskonferenz zu einem Studientag in dessen Mittelpunkt „Die Frage nach der Zäsur“ stand. Der Studientag sollte übergreifende Fragen behandeln, die sich gegenwärtig stellen. Er war damit eine Antwort auf die sogenannte MHG-Studie, die 2018 das schreckliche Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte.

Julia Knop, die seit 2016 die Professur für Dogmatik an der Universität Erfurt innehat, war eingeladen, den Studientag zu eröffnen und zu moderieren. Vielleicht mag manch einer der Organisatoren diese Einladung im Nachhinein bereut haben, denn die gebürtige Münsterländerin ging mit den Oberhirten der katholischen Kirche hart ins Gericht: Vor den Augen und Ohren der versammelten deutschen Bischöfe prangerte sie an, dass die Kirche durch ihr unterlassenes Handeln im Missbrauchsskandal „jeglichen Kredit verspielt“ habe. Dass dringend notwendige Debatten, die spätestens zur Aufarbeitung – vielleicht auch schon zur Prävention – der Missbrauchsfälle geführt hätten werden müssen, nicht nur „nicht gewünscht, sondern tabuisiert“ worden seien. Dass „systemische Defekte“ nicht länger zu leugnen seien.

Das Medienecho, das die Dogmatikerin damit auslöste, war groß. Kaum eine katholische Zeitung, die nicht über die Ereignisse in Lingen berichtet hätte. Doch auch abseits des öffentlichen Radars erreichten die Wissenschaftlerin zahlreiche Rückmeldungen. Ihre Worte seien „mutig“ gewesen, urteilten insbesondere Kolleginnen und Kollegen und bekannten damit, dass das angstfreie Sprechen in der katholischen Theologie auch im Jahr 2019 keine Selbstverständlichkeit ist. Auf kirchliche Laien hätten ihre Worte „erleichternd“ gewirkt, denn endlich habe „sich mal jemand getraut, den Mund aufzumachen.“

Den Mund aufzumachen und sich an prominenter Stelle Gehör zu verschaffen – genau das hat Julia Knop als ihre ureigene Verantwortung wahrgenommen. „Man hatte mich schließlich eigens dazu eingeladen, in Lingen zu sprechen“, betont sie. „Dabei war auch immer klar, welche Rolle ich einnehmen würde: dass ich nicht nur Wortmeldungen moderieren, sondern auch einen inhaltlichen Einstieg anbieten würde. Natürlich kann man da nicht erwarten, dass man nur bequeme Themen anspricht.“ Bequem war es sicher nicht, was die Professorin in Lingen auf den Tisch packte, aber aus ihrer Sicht dringend notwendig.

„Es geht um nicht weniger als die Frage, ob der pluralismusfähige Katholizismus eine Zukunft hat.“

Prof. Dr. Julia Knop

Die Versammlung der Bischöfe endete mit dem Beschluss, einen „synodalen Weg“ in Deutschland einzuleiten. Er soll Reformprozesse in der katholischen Kirche anstoßen und damit zur Erneuerung derselben beitragen. Dass es zu einer solchen Entscheidung kommen würde, war im Vorfeld des Studientages nicht abzusehen. „Während des Studientages hat sich eine Dynamik entwickelt, die mit Händen geradezu greifbar, aber keinesfalls im Vorfeld planbar war“, resümiert Knop. Waren es dabei vielleicht sogar erst die schonungslosen Worte der Theologin, die den synodalen Weg mit aus der Wiege gehoben haben? Über ihren eigenen Anteil am Beschluss zum synodalen Weg urteilt die Dogmatikerin: „Es war eine ganze Reihe von Leuten, die da gut zusammengespielt haben: in der Vorbereitung, seitens der Referenten und Gäste, deren Anwesenheit und Engagement sehr wichtig war. Aber ich glaube, der Freimut aller Beteiligten zum offenen Wort, ob in den Impulsen, im Plenum oder in den Arbeitsgruppen – der der hat viel bewirkt.“

Der Mut zum offenen und bewusst kritischen Wort, aber auch zur Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen ist Julia Knop wichtig. Auch, weil es genau diese Schlüsselkompetenzen braucht, um die katholische Kirche nicht mehr länger nur mit gutem Willen ‚künstlich zu beamten‘, sondern sie wieder lebens- und gesellschaftsfähig zu machen. Denn mit Blick auf die beständig rückläufigen Kirchenmitgliedszahlen in Deutschland sieht die Wissenschaftlerin langfristig die Gefahr einer „Milieuverengung“. Gemeint ist, dass nur die „vermeintlich aufrechten Katholiken“, also die konservativen und institutionsaffinen Mitglieder der katholischen Kirche treu bleiben, während sich „kritischere Geister nach und nach verabschieden, weil sie keine Zukunft sehen“, formuliert sie ihre Bedenken: „Es geht um nicht weniger als die Frage, ob der pluralismusfähige Katholizismus eine Zukunft hat.“

„Wir brauchen eine Selbstverpflichtung der Kirche auf heutige Standards.“

Prof. Dr. Julia Knop

Derzeit wird der synodale Weg in Deutschland vorbereitet. Ab 2020 soll er umgesetzt werden. Dazu wurden Arbeitskreise – sogenannten Foren – eingerichtet, die sich einleitend mit den zentralen Themen der Krise beschäftigen: „Sexualmoral“, „Priesterliche Lebensform“ sowie „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ und „Macht, Partizipation und Gewaltenteilung“. Julia Knop wirkt als Teilnehmerin des letzteren Forums an dieser Agenda mit.

Ihre Forderungen dabei sind klar: „Wir brauchen eine Selbstverpflichtung der Kirche auf heutige Standards.“ Standards, wie sie sich aus einem gesamtgesellschaftlichen Wandel zugunsten einer liberalen Wertehaltung ergeben: „Standards des freien Diskurses sowie Standards des demokratischen Zugangs zu gemeinsamen Fragen“, erörtert sie. „Beteiligung darf nicht heißen: Wir delegieren mal ein paar Aufgaben des Klerus‘ an Ehrenamtliche, weil wir ohnehin zu wenig Priester haben. Es muss stattdessen eine breite und langfristige Beteiligung kompetenter Gläubiger an der Leitung und Gestaltung der Kirche geben!“

Dafür brauche es aber vor allem eines: einen „glaubhaften Mentalitätswandel“. Das nach wie vor seitens zahlreicher Kirchenherren gelebte „Kontrolldenken“ und „Autoritätsgehabe“ sei schlichtweg „nicht mehr zeitgemäß“, befindet die Theologin, der nicht nur die Freiheit der Wissenschaft, sondern auch die generelle Freiheit im Denken und Sprechen aller Gläubigen ein großes Anliegen ist. Aber ein solcher Wandel brauche eben Zeit. Zeit, die die katholische Kirche strenggenommen nicht mehr habe.

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Wie viel Selbstwirksamkeit braucht es für ein gutes Leben? https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/10/04/hartmut-rosa-selbstwirksamkeit/ Fri, 04 Oct 2019 07:26:36 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=838 Das Leben gelingt nicht per se dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind... Weiterlesen →

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Das Leben gelingt nicht per se dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir es zu tun haben.

Wenn wir sie lieben, entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht zwischen uns und der Welt. Dieser Draht wird einerseits gebildet durch das, was Sozialpsychologen intrinsische Interessen nennen, und andererseits durch Selbstwirksamkeitserwartungen. Die Ausbildung von Selbstwirksamkeitserwartungen und von intrinsischen Interessen wiederum korreliert mit der Erfahrung von sozialer Anerkennung – hier liegt eine offensichtliche Brücke zum Ressourcenansatz: Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleibt der Draht zur Welt – bleiben die Resonanzachsen – starr und stumm.

„Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleibt der Draht zur Welt – bleiben die Resonanzachsen – starr und stumm.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Das Konzept der Selbstwirksamkeit wurde 1977 von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura eingeführt und seither in zahlreichen Einzelstudien weiterentwickelt.[1] Es wurde in vielfältigen Zusammenhängen, etwa in der Arbeits-, Gesundheits- oder Bildungssoziologie, aufgegriffen und fruchtbar gemacht; in Deutschland insbesondere von Ralf Schwarzer und seinem Team.[2] Die Kernidee besteht darin, dass es für die menschliche Handlungs- und Lernfähigkeit, aber darüber hinaus auch für das Eingehen und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen und für die Lebenszufriedenheit insgesamt – und damit kurz: für die Qualität der menschlichen Weltbeziehung – entscheidend darauf ankommt, dass Subjekte sich zutrauen, Herausforderungen zu meistern, kontrolliert auf die Umwelt Einfluss nehmen und damit planvoll etwas bewirken zu können:

„Die Menschen schreiben ihrem eigenen Handeln kausale Wirkmacht zu. Für das Verständnis ihres Verhaltens ist nichts wichtiger und durchschlagender als die Überzeugungen, die Akteure bezüglich ihrer Fähigkeit haben, ihre eigenen Handlungen und deren Effekte auf die Umwelt sowie die relevanten Umweltereignisse selbst zu kontrollieren. Wirksamkeitserwartungen beeinflussen daher, wie Menschen denken, wie sie fühlen, wie sie sich motivieren und wie sie handeln.“[3]

Menschen unterscheiden sich demnach insbesondere im Ausmaß, in dem sie sich zutrauen, Aufgaben zu erfüllen, Herausforderungen zu meistern und Ziele zu verwirklichen. Hohe Selbstwirksamkeitserwartungen wirken sich dabei nach den vorliegenden Forschungsergebnissen positiv auf das Sozialverhalten, auf Lernerfolge, auf den Gesundheitszustand und die Lebenszufriedenheit insgesamt aus, während sich bei niedrigen Selbstwirksamkeitserwartungen die entsprechenden negativen Effekte beobachten lassen, darunter insbesondere auch ein vermehrter Rückzug ins Privatleben, verminderte Engagementbereitschaft und wachsende Unzufriedenheit. Auf diese Weise scheinen Selbstwirksamkeitserwartungen einen wichtigen Indikator für die Beurteilung oder Kritik der Qualität von Weltbeziehungen insgesamt zu liefern.

Dabei lassen sich generelle Selbstwirksamkeitserwartungen, die sich auf die Weltbeziehung als solche richten, von spezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen unterscheiden, welche die Einschätzung eigener Fähigkeiten und Kontrollmöglichkeiten im Blick auf bestimmte Tätigkeitsbereiche betreffen. So mag ein Subjekt beispielsweise hohe Selbstwirksamkeitserwartungen hinsichtlich seiner fußballerischen Fähigkeiten, aber niedrige bezüglich seiner mathematischen Begabungen haben. Unabhängig davon aber gilt: Wer hohe Selbstwirksamkeitserwartungen hat, traut sich mehr zu, investiert mehr Energie in die Bewältigung von Schwierigkeiten, setzt sich anspruchsvollere Ziele und hält länger durch, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen. Ein spezifisches Charakteristikum von Selbstwirksamkeitserwartungen ist es darüber hinaus, dass sie in beide Richtungen tendenziell selbstverstärkend wirken: Wer die Erfahrung macht, etwas zu können und zu meistern (sei es, einen Freistoß ins Tor zu befördern oder eine Mathematikaufgabe zu lösen), erhöht seine Selbstwirksamkeitserwartung, was zur Folge hat, dass er oder sie sich mehr zutraut, größere Freude an der entsprechenden Tätigkeit hat und daher mehr übt und infolgedessen das nächste Mal noch erfolgreicher agiert, während umgekehrt ein Misserfolgserlebnis das Selbstvertrauen und die „Lust“ auf die entsprechende Tätigkeit untergräbt und infolgedessen die Scheiternswahrscheinlichkeit erhöht.

„Wer über hohe Selbstwirksamkeitserwartungen verfügt, zeigt – wenig überraschend – weniger Angst- und Stresssymptome, vor allem aber verfügt er über mehr und stärkere intrinsische Interessen.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Wer über eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung verfügt, wird weit eher geneigt sein, die Welt als ein Feld (erregender) Herausforderungen wahrzunehmen, als jemand, der sich kaum zutraut, die Umstände zu kontrollieren und Pläne zu realisieren. Niedrige Selbstwirksamkeitserwartungen (und Kontrollüberzeugungen) lassen die Welt tendenziell als Feld von Bedrohungen erscheinen. Das Subjekt wird dann (in der Sprache Machiavellis formuliert) zu einem Spielball der fortuna, des Glücks und des Schicksals, anstatt durch eigene virtù (Tugend) den Weltlauf oder zumindest die eigene Position in der Welt gestalten zu können. Dabei scheinen Selbstwirksamkeitserwartungen auch einen prägenden Einfluss auf die Angst- und Begehrensstruktur zu haben: Wer über hohe Selbstwirksamkeitserwartungen verfügt, zeigt – wenig überraschend – weniger Angst- und Stresssymptome, vor allem aber verfügt er über mehr und stärkere intrinsische Interessen.

So weit, so gut. Aber was bedeuten die Befunde der empirischen Selbstwirksamkeitsforschung tatsächlich? Meines Erachtens eröffnen sie den Spielraum sowohl für eine instrumentalistisch-kausalistische als auch für eine resonanztheoretische Deutung, wobei die psychologische Forschung bisher erkennbar der ersteren zuneigt. Danach ginge es bei der Selbstwirksamkeit um die Fähigkeit, Interessen zu verfolgen, Ziele zu erreichen, Welt (und andere Menschen) berechnen und beherrschen zu können und die eigenen Pläne möglichst ohne Abstriche umzusetzen. So verstanden bezögen sich Selbstwirksamkeitserwartungen auf stumme Weltbeziehungen; sie wären umso höher, je erfolgreicher ein Subjekt in der Verfolgung und instrumentellen Umsetzung seiner Absichten wäre.

Dagegen spricht jedoch eine große Zahl von Evidenzen, die nahelegen, dass die „positive“ Wirkung von Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht von der instrumentellen Wirksamkeit der Handlungen, sondern von ihrer resonanz- und beziehungsstiftenden Qualität ausgeht. Wie bereits Banduras Untersuchungen zeigen, steigt das intrinsische Interesse an einem Weltausschnitt oder Tätigkeitsbereich nicht mit dem Erfolg oder der „Belohnung“ für ein Engagement, sondern mit der Erfahrung, selbst etwas bewirken, Welt erreichen zu können. Nicht die bewirkten Ergebnisse sind das Entscheidende, sondern die Erfahrung der sich im Prozess ergebenden Wechselwirkung. In ähnlicher Weise hat die Unterrichtsforschung deutlich gemacht, dass der entscheidende Faktor für die Qualität des Unterrichtsgeschehens darin liegt, dass Lehrer davon überzeugt sind, ihre Schüler erreichen zu können.[4]

„Das intrinsische Interesse an einem Weltausschnitt oder Tätigkeitsbereich steigt nicht mit dem Erfolg oder der „Belohnung“ für ein Engagement, sondern mit der Erfahrung, selbst etwas bewirken, Welt erreichen zu können.“

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Nicht zufällig spielt dabei die kollektive Selbstwirksamkeitsüberzeugung eine entscheidende Rolle: In Formen des gemeinsamen Handelns machen Individuen nicht nur die Erfahrung sozialer Resonanzbeziehungen, in denen sie sich wechselseitig erreichen, antworten und verstärken, sondern sie erleben auch ihre Fähigkeit, etwas erreichen und bewegen zu können, mithin also gleichsam weltwirksam zu sein. In ebendiesem Sinne sieht Hannah Arendt Welt überhaupt erst im kollektiven Handeln und in der damit einhergehenden Erfahrung des gemeinsamen Gestaltenkönnens entstehen, so dass ihr moderne Subjekte ohne diese Erfahrung als gleichsam weltarm oder weltlos erscheinen:[5] Sosehr auch ihre individuellen Wahlmöglichkeiten und Optionen gestiegen sein mögen, so wenig werden sie dadurch in die Lage versetzt, Weltresonanz im Sinne kollektiver Selbstwirksamkeitserfahrung zu erleben. Tatsächlich lassen sich politische Positionen nicht zuletzt danach unterscheiden, in welches Verhältnis sie individuelle und kollektive Selbsterwartungen setzen. In dem sich durch die Geschichte der Moderne ziehenden Streit zwischen eher republikanischen und eher liberal-individualistischen Politik- und Demokratieauffassungen, der zuletzt in der sogenannten „Kommunitarismusdebatte“ wieder aktuell wurde, steht so eine hohe Wertschätzung individueller Selbstwirksamkeit bei tiefsitzendem Misstrauen gegenüber kollektiver Gestaltungsmacht (die staats- und gemeinschaftsskeptische liberalindividualistische Position) einer umgekehrt starken Betonung kollektiver Selbstwirksamkeit bei reduziertem Vertrauen in die „atomistische“ individuelle Handlungsmacht (die kommunitaristische Position) gegenüber.[6]

Für eine Analyse der menschlichen Weltbeziehungen sind Selbstwirksamkeitserwartungen damit sowohl im Blick auf individuelle als auch auf kollektive Weltverhältnisse von essentieller Bedeutung, weil sie die Art der Beziehung zwischen Subjekt und Welt und auch zwischen Gemeinwesen und Welt bestimmen. Sie tun das, indem sie die Reichweite und die Grenzen des Realisier- und Gestaltbaren definieren: Wie viel können die Menschen ausrichten in der Welt – und gegebenenfalls auch gegen die Welt? Inwiefern kann ein Subjekt seine Position in der und seinen Lebensweg durch die Welt selbst gestalten, inwiefern hat es einfach hinzunehmen, was die Welt (oder das Schicksal) für es bestimmt haben? Das moderne Programm der systematischen individuellen wie kollektiven, wissenschaftlichen wie technischen, ökonomischen wie politischen Reichweitenvergrößerung und Ressourcenvermehrung ist daher durchaus auf die Erhöhung von Selbstwirksamkeit hin angelegt, allerdings auf eine Selbstwirksamkeit, die einseitig auf Beherrschung und damit auf stumme und verdinglichte Weltbeziehungen ausgerichtet ist. Vielleicht lässt sich auf diese Weise das auf Wachstum, Beschleunigung und Reichweitenvergrößerung gerichtete, einseitige Steigerungsprogramm der Moderne reinterpretieren als ein letztlich von Resonanzerwartungen getriebenes Programm zur Verbesserung von Selbstwirksamkeit, dem ein fundamentales Missverständnis zugrunde liegt: Der Irrtum der Moderne bestünde dann nicht in der Hoffnung, durch die Erhöhung von Selbstwirksamkeitserwartungen eine Verbesserung der Weltbeziehung und damit der Lebensqualität zu suchen, sondern in der Verwechslung einer stummen, auf Beherrschung und Verfügbarmachung ausgerichteten und ergebnisorientierten Selbstwirksamkeit mit der Erfahrung resonanter, einwirkender, prozessorientierter und antwortorientierter Selbstwirksamkeit, welche nicht nur mit dem stets Unverfügbaren, Nichtbeherrschbaren, Widerständigen rechnet, sondern auf dieses sogar konstitutiv angewiesen bleibt. Das bedeutet aber auch, dass die Selbstwirksamkeitsstrategie der Moderne nicht per se falsch, sondern nur einseitig ist; dass sie zwar gewaltiges Entfremdungspotential birgt, aber zugleich die Ressourcen für resonante Weltbeziehungen bereitstellt.

Dieser Text beruht auf Abschnitten aus dem Buch:
Hartmut Rosa: „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“, Berlin 2016, insbesondere S. 270ff.


[1] Albert Bandura, „Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change“, in: Psychological Review 84 (1977), S.191-215; ders., „Self-Efficacy Mechanism in Human Agency“, in: American Psychologist. Journal of the American Psychological Association 37 (1982), S.122-147; ders., „Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning“, in: Educational Psychologist 28 (1993), S. 117-148.

[2] Lars Satow, Ralf Schwarzer, „Entwicklung schulischer und sozialer Selbstwirksamkeitserwartung. Eine Analyse individueller Wachstumskurven“, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht 50 (2003), S. 168-181; Aleksandra Luszczynska u. a., „General Self-Efficacy in Various Domains of Human Functioning: Evidence from Five Countries“, in: International Journal of Psychology 40 (2005), S. 80-89; Aleksandra Luszczynska u. a., „The General Self-Efficacy Scale. Multicultural Validation Studies“, in: The Journal of Psychology 139 (2005), S. 439-457; vgl. auch Matthias Jerusalem, Diether Hopf (Hg.), Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen, Weinheim 2002.

[3] Bandura, „Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning“, S.118 (meine Übersetzung, HR).

[4] Jerusalem/Hopf (Hg.), Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen.

[5] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1994.

[6] Axel Honneth (Hg.), Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, Frankfurt/M., New York 1992; Hartmut Rosa, Identität und kulturelle Praxis. Politische Philosophie nach Charles Taylor, Frankfurt/M., New York 1998; Rainer Forst, Kontexte der Gerechtigkeit. Politische Philosophie jenseits von Liberalismus und Kommunitarismus, Frankfurt/M. 1994.

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Die „MINTy Girls“ haben Berufsstereotypen den Kampf angesagt https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/10/weltbeweger-minty-girls/ Tue, 10 Sep 2019 09:37:23 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=942 Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ein Feld, das man lieber den „Jungs“ überlassen sollte? Von wegen, sagen Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre. Die drei Studentinnen der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt sind fest... Weiterlesen →

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Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ein Feld, das man lieber den „Jungs“ überlassen sollte? Von wegen, sagen Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre. Die drei Studentinnen der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt sind fest entschlossen: Sie wollen eine neue Generation an selbstbewussten Mädchen in den sogenannten MINT-Bereichen fördern. Und haben dafür ihr eigenes Startup gegründet – die „MINTy Girls“.

„Verschiedene Studien zeigen, dass Mädchen in Deutschland bereits im Alter von etwa elf Jahren das Interesse an MINT-Fächer verlieren“, erläutert Sonia Gonzales. Das Ergebnis: Nicht einmal jeder dritte Ingenieur ist weiblich. In den vergangenen Jahren gab es laut Aussage des Instituts der Deutschen Wirtschaft einen Rückgang der Frauen in MINT-Berufen von sechs Prozent im Jahr 2005, auf nur 2,6 Prozent im Jahr 2016. „Erschwerend kommt hinzu, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen eher dazu neigen, ihre mathematischen Fähigkeiten zu unterschätzen. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir ein neues Interesse bei den Mädchen wecken und ihr Selbstvertrauen stärken – am besten noch bevor sie in die fünfte Klasse kommen.“ Und Nicole Oubre ergänzt: „Dafür ist es wichtig, Stereotype zu überwinden, die vermeintlich vorgeben, wer in welchen Beruf gehört.“

Und genau das haben sich die drei Gründerinnen mit den „MINTy Girls“ zur Aufgabe gemacht. Sie wollen Workshops und Bootcamps für Mädchen ab acht Jahre anbieten, die dabei von weiblichen Vorbildern geleitet werden und in denen deren Kreativität und das Interesse in MINT-Fächern nicht nur geweckt, sondern auch langfristig gefördert wird. Ihre Idee entstand bei einem Social Entrepreneurship-Seminar an der Universität Erfurt. Darin sollten die Studentinnen eine Geschäftsidee entwickeln, die einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet. Die „MINTy Girls“ wurden aus der Taufe gehoben. Aber es sollte nicht bei der Idee bleiben: Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre machten sich auf den Weg, Unterstützer zu finden und ihr Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. „Wir haben in unserem direkten Umfeld überwältigende Unterstützung erhalten. Unsere Professorin, Heike Grimm, hat uns vom ersten Tag an sehr ermutigt. Zudem haben wir Hilfe vom Gründerservice der Universität erhalten. Und das positive Feedback, das wir während der Investor Days Thüringen von den Menschen bekommen haben, die an unseren Stand gekommen sind, hat uns natürlich zusätzlich motiviert. Viele haben uns gesagt, wie wichtig unser Programm ist, und dass sie ihre Töchter anmelden wollen“, erklären die drei Studentinnen.

„Wir müssen das einfach tun. Wir haben die Fähigkeiten und den Mut zu diesem Startup und wir sind die richtigen Frauen für diesen Job.“

Für ihren Pilot-Workshop haben sie inzwischen nicht nur eine Erfurter Schule gefunden, sondern auch ein lokales Unternehmen, das sie bei ihrer Arbeit unterstützt. Im November wird es losgehen. Und im Sommer 2020 sollen die ersten Camps für Mädchen stattfinden. Auf die Frage, wie ihr mittelfristiges Ziel aussieht, müssen sie nicht lange überlegen: Ariana, Sonia und Nicole wollen ihreMINTy Girls“-Workshops und Bootcamps in ganz Deutschland anbieten und darüber hinaus eine Online-Plattform schaffen, mit der sie so viele Mädchen wie möglich erreichen können. „Wir wollen eine Marke werden“, sagen sie selbstbewusst. „Eine Marke, die junge Mädchen inspiriert und ihnen berufliche Chancen eröffnet, an die sie vielleicht heute noch gar nicht denken.“ Dafür wollen die drei jungen Frauen nicht nur mit Schulen, sondern auch mit Gemeinden und Unternehmen zusammenarbeiten. Was es dafür braucht? Ideen, Mut und Durchsetzungskraft. Haben sie. Weitere Investoren. Die suchen sie noch. Aber die Studentinnen wissen, dass sie ihnen auch etwas anzubieten haben: „Wir bieten nicht nur die Möglichkeit, ihr Geld gewinnbringend anzulegen, sondern auch das soziale Kapital der Gesellschaft zu erhöhen. Der Arbeitskräftemangel im MINT-Bereich ist enorm. Allein in der IT gibt es fast 60.000 offene Stellen und diese Zahl wächst. Investitionen zur Schließung der MINT-Lücke sind also sowohl sozial als auch wirtschaftlich sinnvoll.“

Ariana Barrenechea, Sonia Gonzales und Nicole Oubre sind voller Energie. Und Zuversicht. „Wir müssen das einfach tun“, sagen sie. „Wir haben die Fähigkeiten und den Mut zu diesem Startup und wir sind die richtigen Frauen für diesen Job.“ Klingt sehr selbstbewusst? „Naja, das war nicht von Anfang an so“, sagt Ariana. „Natürlich hatten wir auch Zweifel. Wir sind drei Frauen, die nicht aus Deutschland, sondern den USA und aus Peru kommen. Wir lieben dieses Land, aber wir hätten nie gedacht, dass wir während des Studiums ein Unternehmen in einem fremden Land gründen würden! Die Sprache war natürlich erstmal eine Barriere, aber wir lernen so schnell wie möglich Deutsch. Und inzwischen wissen wir, dass wir das, was wir uns vorgenommen haben, wirklich schaffen können. Das ist schon ein tolles Gefühl.“

Übrigens: Für die Workshops suchen Ariana, Sonia und Nicole noch Studierende, die sie ehrenamtlich bei der Durchführung unterstützen. Wer Lust hat, dabei zu sein, kann sich unter E-Mail: info@mintygirls.com melden.

Weitere Informationen:
www.mintygirls.com

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Selbstwirksamkeit und Resilienz im Lehrerberuf – Welchen Wert hat berufsbezogenes Wohlbefinden und wie kann es gefördert werden? https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/10/perspektiven-benjamin-dreer/ Tue, 10 Sep 2019 08:21:30 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=851 Dass schulische Bildungsprozesse erfolgreich sein können, setzt in entscheidender Weise die Leistungsfähigkeit und Motivation der im Schulsystem aktiven Lehrkräfte voraus. Seit einigen Jahren wird deshalb verstärkt das Wohlbefinden von Lehrkräften als ein relevanter Faktor für die erfolgreiche Ausübung ihres Berufs... Weiterlesen →

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Dass schulische Bildungsprozesse erfolgreich sein können, setzt in entscheidender Weise die Leistungsfähigkeit und Motivation der im Schulsystem aktiven Lehrkräfte voraus. Seit einigen Jahren wird deshalb verstärkt das Wohlbefinden von Lehrkräften als ein relevanter Faktor für die erfolgreiche Ausübung ihres Berufs herausgestellt. Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihrem Beruf zufrieden sind und sich im Hinblick auf die typischen Anforderungen selbstwirksam fühlen, gehen nicht nur ihren Arbeitsaufgaben engagierter nach und sind in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern erfolgreicher. Sie fühlen sich oft auch weniger belastet und geben den Beruf seltener vor dem Erreichen des Ruhestands auf. Wohlbefinden speist sich jedoch nicht allein aus der Abwesenheit von Konflikten und der Beherrschung von Belastungen, wie der Psychologieprofessor Robert Biswas-Diener in seiner eingängigen Segelboot-Metapher deutlich macht: Um die Strömungen des anforderungsreichen beruflichen Alltags zu bewältigen, ist ein solides Boot erforderlich, das mindestens Rumpf, Ruder und Segel besitzt. Die täglichen Beanspruchungen schlagen und bohren uns unablässig Löcher in den Rumpf, die es wieder zu verschließen gilt, wollen wir uns über Wasser halten. Das Schließen von Löchern allein leistet aber keinen Beitrag zum eigentlichen Fortkommen. Es erscheint mindestens ebenso wichtig, sich darin zu üben, die Segel und den Kurs zu setzen. Dabei gilt es wohl auch zu akzeptieren, dass sich das Eindringen von Wasser in unser Boot nie so ganz verhindern lässt.

In der Forschung zum Lehrerberuf und in der Praxis der Aus- und Fortbildung haben wir uns in der Vergangenheit viel stärker um den Rumpf, als um die Segel gekümmert. In Studien wurde ein starker Fokus auf die Beantwortung von Forschungsfragen in Zusammenhang mit Belastung, Beanspruchung und den damit verbundenen Folgen, wie z.B. Burnout gelegt. Dies zeigt sich zum Beispiel am Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf, das ein umfangreiches Kapitel über die Forschung zur Belastung und Beanspruchung, aber nicht einen Beitrag enthält, der Erkenntnisse zur Förderung positiver Arbeitsbedingungen und -umgebungen verspricht.

„Erkenntnisse dazu, wie sich positive Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen fördern lassen, die eine erfolgreiche Berufsausübung begünstigen, müssen innerhalb der Forschungsarbeiten zum Lehrerberuf schon mit einigem Aufwand gesucht werden.“

Dr. Benjamin Dreer

In der Lehrerausbildung und in Fortbildungsangeboten überwiegen Angebote zum Selbst- und Zeitmanagement, zu Stressvermeidung und -reduktion sowie zum Umgang mit Belastungen. In den Begleitunterlagen von Workshops finden sich mitunter Hinweise auf Burnout-Klinken und Verlage veröffentlichen Fachbücher zu Themen wie „Lehrer unter Druck“ oder „Lebenslang Lehrer?“. Erkenntnisse dazu, wie sich positive Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen fördern lassen, die eine erfolgreiche Berufsausübung begünstigen, müssen innerhalb der Forschungsarbeiten zum Lehrerberuf schon mit einigem Aufwand gesucht werden. Dies gilt auch für Angebote in Aus- und Fortbildung, die nicht nur versprechen, Werkzeuge zur Steigerung des berufsbezogenen Wohlbefindens anzubieten, sondern auch in ihrer Wirksamkeit geprüft sind.

Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass wer gut im Stopfen von Löchern ist, nicht automatisch auch gut im Segeln sein muss. Erst seit einigen Jahren sind auch in Deutschland vereinzelte Initiativen in Praxis und Forschung zu beobachten, die ihren Blick in Richtung „Segel und Ruder“ richten. Angeschoben durch einen gesamtgesellschaftlichen Trend zur Selbstoptimierung sind Workshops und Publikationen zu Themen wie Glück oder Achtsamkeit im Lehrerberuf inzwischen nicht mehr so selten und durchaus nachgefragt. Lachseminare sollen Lehrkräften Erkenntnisse der Gelotologie – der Wissenschaft der Auswirkungen des Lachens – nahebringen. Während „der Markt“ recht eindeutig zeigt, dass hierzu ein Bedarf besteht, macht die Wissenschaft nur recht kleine Erkenntnisfortschritte in diesem Bereich. Dabei lassen sich in zahlreichen Forschungsarbeiten beispielsweise der positiven Psychologie vielversprechende Ansätze finden, die auf die Forschung zum Lehrerberuf übertragbar wären. So konnte wiederholt gezeigt werden, dass das Praktizieren einfacher Übungen zu Themen wie Dankbarkeit oder Freundlichkeit z.B. bei Personen, die im Management arbeiten, zu einer nachhaltigen Steigerung von Berufszufriedenheit und Engagement führt.

Angeregt durch diese Erkenntnisse habe ich mich – nachdem ich selbst eine Zeit lang Kurse zur Belastung im Lehrerberuf angeboten hatte – dazu entschieden, mich dem Thema berufsbezogenem Wohlbefinden stärker zuzuwenden. So sind verschiedene Initiativen zum Teil auch in Zusammenarbeit mit Studierenden entstanden.

Zuerst haben wir ein Interventionsprogramm zusammengestellt, das aus kleinen Anleitungen für positive Aktivitäten für den Lehrerberuf besteht. Darin wird beispielsweise angeregt, sich die Vorteile des eigenen Berufs genüsslich vor Augen zu führen, kleine Highlights des Schulalltags zu zelebrieren oder aber Elternkontakt bewusst positiv auszugestalten. Um die Wirkung des Programms zu überprüfen, haben wir die freiwillig angemeldeten 310 Lehrkräfte in zwei Gruppen unterteilt. Während die eine Gruppe, über die Dauer von zwei Wochen jeden zweiten Werktag eine E-Mail mit einer einladenden Übungsanleitung erhielt, bekam die andere Gruppe ansprechend gestaltete Inspirationskärtchen (mit Zitaten und Bildern) zugeschickt wie sie überall auch in den sozialen Netzwerken zu finden sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die Berufszufriedenheit und das berufsbezogene Engagement derjenigen Lehrerinnen und Lehrer bedeutsam anstieg, die sich über zwei Wochen mit den Übungen befassten. Diese Teilenehmenden berichteten am Ende des Programms außerdem über eine verringerte subjektive Belastung. In der Gruppe mit den Inspirationskärtchen konnten hingegen keine bedeutsamen Veränderungen beobachtet werden.

Angeregt durch diese vielversprechenden Ergebnisse war ein nächstes Ziel dann, solche Übungen auch mit angehenden Lehrkräften, also Studierenden im Praktikum, zu erproben. Dabei stellte sich die Herausforderung, dass die angehenden Lehrkräfte je nach Praktikumsschule über sehr unterschiedliche Handlungsfreiheiten verfügen. Deshalb wurden solche Aktivitäten gewählt, die möglichst unabhängig von der konkreten Situation an der jeweiligen Praktikumsschule durchgeführt werden konnten. Interessant ist, dass sich diese Entscheidung offenbar auch in den Ergebnissen widerspiegelt. Die angehenden Lehrkräfte profitierten nämlich von der Teilnahme an dem Angebot vor allem im Hinblick auf Faktoren des allgemeinen Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden). Ihre Berufszufriedenheit und das berufsbezogene Engagement blieben hingegen relativ konstant. Hier besteht also noch Entwicklungspotenzial hinsichtlich des Anpassungsgrads der Übungen an die berufliche Umwelt. Insgesamt stimmen die Ergebnisse dieser ersten Initiativen aber zuversichtlich, was die Förderbarkeit von Wohlbefinden im Lehrerberuf betrifft. Die Erprobung weiterer Ansätze ist bereits in Planung.

Übrigens: Wer sich für solche Übungen interessiert, aber nicht an einem Online-Programm teilnehmen möchte, kann auch einen Blick auf das Anfang 2019 im Beltz-Verlag erschienene Kartenset „Positivity – 34 Impulskarten für positives Denken und Handeln im Lehrerberuf“ werfen.

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„Das Weibliche hat etwas Anderes“: Anne Rademacher leitet als eine der ersten Frauen in Deutschland ein katholisches Seelsorgeamt https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/09/weltbeweger-anne-rademacher/ Mon, 09 Sep 2019 08:00:48 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=938 Es heißt „Nomen est Omen“, also „der Name ist ein Vorzeichen“. Unter diesem Gedanken mutet es direkt ein wenig sarkastisch an, wenn man bedenkt, wo das Herz des Bistums Erfurt schlägt. Nämlich am Herr-mannsplatz. Hier, im Schatten des Erfurter Doms... Weiterlesen →

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Es heißt „Nomen est Omen“, also „der Name ist ein Vorzeichen“. Unter diesem Gedanken mutet es direkt ein wenig sarkastisch an, wenn man bedenkt, wo das Herz des Bistums Erfurt schlägt. Nämlich am Herr-mannsplatz. Hier, im Schatten des Erfurter Doms – dem regionalen Symbol einer von Männerhand regierten Weltkirche – liegt das bischöfliche Ordinariat, die oberste Verwaltungsstelle des Bistums.

Und von hier gehen einige seiner wichtigsten Adern ab: das Priesterseminar in der Holzheienstraße, die katholische Akademie am Fischersand und auch das Seelsorgeamt in der Regierungsstraße. Die verschiedenen Einrichtungen greifen ineinander, ergänzen und stützen sich und tragen dazu bei, dass sich Katholikinnen und Katholiken in Erfurt und Umland ein kultureller Raum bietet, in dem sie ihren Glauben leben und gestalten können.

Doch die Gemeinschaft am Herrmannsplatz ist keine reine Herrenrunde. Obgleich die katholische Kirche Frauen nicht zu Priesterinnen weiht und ihnen damit den Zugang zu klerikalen Leitungsposten verwehrt, gibt es sie doch: Frauen, die Kirche machen. So auch im Seelsorgeamt. Hier gibt seit sieben Jahren eine Alumna der Universität Erfurt den Ton an – und dieser Ton ist dezidiert weiblich.

„Es muss ein Zueinander der Geschlechter geben.“

Anne Rademacher

Anne Rademacher schloss 1998 ihr Studium der katholischen Theologie in Erfurt ab. Damals noch am Philosophisch-Theologischen Studium, aus dem 2003 die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt hervorging. 2011 wurde sie an der Reformuniversität promoviert. Ein Jahr später trat sie die Stelle als Leiterin des Seelsorgeamtes an. Seither plant sie die „Pastoral“ und deren Entwicklung im Bistum.

Ihr Büro in der Regierungsstraße ist groß. Fast ein wenig zu groß für die eher spartanische Einrichtung. Das Einzige, wovon es hier reichlich gibt, sind Aktenberge, unter denen sich ihr Schreibtisch biegt. Die Stapel sind mehr als nur ein Sinnbild für all die Arbeit, die täglich über ihren Tisch wandert. Und all die Verantwortung.

Als Anne Rademacher 2012 die Leitung des Seelsorgeamtes übernahm, war sie damit bundesweit erst die zweite Frau in dieser Position. Seither ist viel an der Geschlechterfront der katholischen Kirche geschehen: Heute unterstehen immerhin schon acht Seelsorgeämter in deutschen Bistümern einer weiblichen Leitung. In einer Kirche, in der es nur exklusiv männliche Priester gibt, gäbe es zunehmend auch einen Blick dafür, dass es in den Gemeinden „dennoch ein Zueinander der Geschlechter geben muss, dass es beide Geschlechter braucht“, befindet die Theologin.

„Ich bekomme nicht automatisch den Platz vorn auf der Altarinsel zugewiesen. Das macht einen Unterschied.“

Anne Rademacher

Dass es in Ergänzung zur männlich geprägten Denkmustern auch eine spezifisch weibliche Perspektive auf Kirche braucht, liegt für Rademacher auf der Hand. Auch weil sich in ihr „eine andere Herangehensweise“ verberge. „Das Weibliche hat etwas Anderes“, erklärt sie. „Das erlebe ich auch an mir selbst. Es ist die Perspektive aus dem normalen Gottesvolk, die ich habe.“

Diesen Perspektivwechsel erläutert die Katholikin lebensnah anhand ihres eigenen Alltags: Wenn sie etwa ein Gottesdienst besucht, dann sucht sie sich einen Platz im Kirchenschiff wie alle anderen auch. „Ich bekomme nicht automatisch den Platz vorn auf der Altarinsel zugewiesen. Das macht einen Unterschied.“ Sobald sie ein Gotteshaus betrete, sei sie „ein normales Kirchenmitglied“, kein herausgestellter Amtsträger wie der Priester, der die Messe leitet. Und genau das habe „einen gewissen Charme, weil das ja genau die Perspektive ist, die die Leute haben, mit denen wir Kirche gemeinsam gestalten wollen“, sagt die Seelsorgeamtsleiterin.

Ihre Einschätzung steht im Einklang mit einem kritischen Diskurs, der derzeit über Formen des Klerikalismus in der katholischen Kirche geführt wird. Es geht dabei um die Macht von Klerikern, also Geistlichen, gegenüber Laien, also den Nicht-Geweihten. Und es geht um die Frage, wie Kirche gemeinsam gestaltet, wie sie gemeinsam erneuert werden kann, ohne den einen zu bevorzugen und den anderen zu benachteiligen.

Gemeinsam zu gestalten, ist der gebürtigen Thüringerin, die in Frankfurt (Oder) und damit in der tiefsten Diaspora – also einem Kulturraum, in dem katholische Christen eine Minderheit darstellen – aufgewachsen ist, ein großes Anliegen. Gerade auch in ihrer Funktion als Amtsleiterin, als Vorgesetzte und als Personalverantwortliche. Dass es dabei „typisch männlich“- und „typisch weiblich“-sozialisierte Eigenschaften gibt, davon ist Anne Rademacher überzeugt. Männer hätten demnach die Neigung, einen eher autoritären Leitungsstil zu verfolgen. Frauen hingegen setzen nach ihrer Einschätzung deutlich mehr aufs Verhandeln. „Daraus ergibt sich eine kommunikativere Form der Leitung“, urteilt sie.

„Mir war eine kollegiale Form der Leitung wichtig.“

Anne rademacher

Ein solch kommunikativer Führungsstil zeichnet seit jeher die Arbeit der Theologin aus. Als sie vor sieben Jahren die Leitung im Seelsorgeamt übernahm, zog sie als erstes eine Zwischenebene in dessen Organisationsstruktur ein. „Davor war es so, dass man entweder Referentin sein konnte oder Chefin. Dazwischen gab es nichts“, erinnert sie sich.

Heute hat Anne Rademacher vier Bereichsleiter ‚unter sich‘, zwei davon sind Frauen. Ihr sei eine „kollegiale Form der Leitung“ wichtig, betont sie. Um klar abgrenzbare Zuständigkeiten zu schaffen, aber auch um amtsintern eine neue Gesprächskultur zu etablieren, die einen Dialog auf verschiedenen Ebenen ermöglicht und den Prozess einer gemeinsamen Entscheidungsfindung fördert. Wenn Frauen Leitung übernehmen, dann sei das einfach „ein anderer Stil“, befindet die Alumna der Uni Erfurt.

Ihre Einschätzung wirft die Frage auf, ob vielleicht genau dieser Stil der katholischen Kirche einen Ausweg aus ihrer aktuellen Imagekrise zeigen kann. Schließlich krankt die Weltkirche massiv an dem Vorwurf, als Institution zu einseitig, zu sehr männlich dominiert zu sein. „Ich glaube, für sich genommen nicht“, urteilt sie nach einer kurzen Gedankenpause. „Der weibliche Stil läuft manchmal durchaus auch Gefahr, keine Entscheidungen zu treffen. Doch genau die müssen natürlich auch sein.“

Es sei deshalb eine Kombination aus vermeintlich maskulinen und femininen Kommunikationspraktiken, die es brauche, resümiert die Theologin. Damit bekennt sie sich abschließend einmal mehr zu einem Denken, das von einem tiefen Bedürfnis nach Dialog und Austausch getragen wird – einem durch und durch kommunikativen Führungsstil eben.

Foto: Nadine Grimm, Bistum Erfurt

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Der Seele einen Schutzraum bieten: Cornelia Aßmann betreut Menschen in den ersten Stunden nach einem Verlust https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/09/09/weltbeweger-cornelia-assmann/ Mon, 09 Sep 2019 07:46:18 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=953 Es ist der Alptraum schlechthin: Wenn es an der Haustür klingelt und man unerwartet der Polizei öffnet. Wenn sie die Nachricht überbringen, dass es einen Unfall gegeben hat, dass es Tote gab. Wenn sich die Erkenntnis, dass ein geliebter Mensch... Weiterlesen →

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Es ist der Alptraum schlechthin: Wenn es an der Haustür klingelt und man unerwartet der Polizei öffnet. Wenn sie die Nachricht überbringen, dass es einen Unfall gegeben hat, dass es Tote gab. Wenn sich die Erkenntnis, dass ein geliebter Mensch von jetzt auf gleich einfach nicht mehr da ist, durchs Hirn und ein lodernder Schmerz durchs Herz frisst. Wer bietet den Empfängern einer solchen Botschaft in diesen Momenten Halt? Wer ist da in den ersten Stunden der Not? Die Polizei formal nicht. „Mit der Überbringung der Todesnachricht ist der Job der Beamten beendet“, erklärt Cornelia Aßmann. „Danach übernehmen wir.“

Wir, das sind ehrenamtliche Männer und Frauen der Notfallseelsorge. Sie begleiten die Polizistinnen und Polizisten und überbringen gemeinsam mit ihnen die Nachricht, die niemand jemals bekommen möchte. Sie bieten den Halt, den die Staatsdiener oft nicht leisten können. Weil es nicht deren Aufgabe ist. Weil sie im Dienst unter Zeitdruck stehen. Und weil sie dafür nicht ausgebildet sind. „Während der Polizeiausbildung gibt es gerade einmal ein oder zwei Stunden, in denen der Umgang mit Angehörigen thematisiert wird. Mehr nicht“, sagt die Seelsorgerin. Und sie weiß auch, dass das viel zu wenig ist, um den oft kaum beherrschbaren menschlichen Gefühlen nach einem Verlust gerecht zu werden.

„Wir sind ein Pflaster. Wir sind das, was man aufbringt,
wenn die Wunde noch blutet.“

Cornelia Aßmann

Aßmann, die hauptberuflich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Erfurt tätig ist, will in dieses Gefühlschaos und die seismografische Erschütterung, die es für das Leben der Betroffenen bedeutet, hineinwirken. Stabilisierend. Lindernd. Manchmal mit Gesprächen. Manchmal aber auch einfach nur, indem sie sich schweigend zu einem Menschen setzt, der gerade den letzten Angehörigen auf dieser Welt verloren hat. „Wir sind ein Pflaster“, versinnbildlicht sie die Arbeit der Notfallseelsorge. „Wir sind das, was man aufbringt, wenn die Wunde frisch geschlagen ist und noch blutet.“

Oft geht es in ihrer Arbeit auch darum, Hilfestellung in formalen Angelegenheiten zu bieten: erste Vorbereitungen für eine Beerdigung treffen etwa oder aber auch wichtige Fragen mit den Behörden klären – all das also, wofür vielen Menschen nach Erhalt einer überraschenden Todesnachricht schlichtweg die Kraft fehlt. Für die langfristige Nachbetreuung, die Bewältigung von Trauer und die Reintegration der Hinterbliebenen in den Lebensalltag, gibt es andere Angebote. Doch dazu eben diese wahrzunehmen, müssen die Menschen oft erst ermutigt werden. Auch dadurch, dass sie in den ersten Stunden der akuten Not erkennen, dass sie nicht allein sind. Dass es Hilfe gibt, wenn sie Hilfe brauchen.

„Dieser Wunsch nach Unsterblichkeit der Seele ist immer da. Immer.“

Cornelia Aßmann

Seit 2015 arbeitet Cornelia Aßmann als Freiwillige in der Notfallseelsorge – zweimal im Monat mit Rufbereitschaft für jeweils 24 Stunden. Derzeit sogar noch mehr, denn das Team aus Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern ist chronisch unterbesetzt. An Statur ist die Wissenschaftlerin eher klein, eher zart. Ihr Wesen ist aufgeschlossen und freundlich, aber auch durchsetzt von einer ruhigen und bedächtigen Ausstrahlung. Man kann sich gut vorstellen, sich ihr zu öffnen, sie teilhaben zu lassen an Gedanken und Emotionen, selbst an den dunkelsten.

Und doch fragt man sich, woher diese zierliche Person die Kraft nimmt, um sich dieser Aufgabe zu stellen, die auch immer einen emotionalen Verschleiß am eigenen Leib bedeutet. „Ich habe eine gute Eismaschine“, erklärt sie lachend. Eis als Balsam für die Seele. Auch die eigene. Mit mehr Ernsthaftigkeit in der Stimme fährt sie fort: „Und natürlich finde ich Halt in meinem Glauben.“

Der Glaube ist der promovierten Theologin wichtig. Er ist Antrieb und Ventil zugleich. Außerdem ist Cornelia Aßmann als Ehrenamtliche für die Caritas tätig, einen kirchlichen Träger. Doch obwohl das Konzept der Seelsorge christliche Wurzeln hat, wird sie heute weder exklusiv von Christinnen und Christen angeboten, noch ausschließlich von ihnen in Anspruch genommen. „Seelsorgerische Dienste stehen allen offen, die sie brauchen“, erläutert die Katholikin.

Mit ihrer Arbeit will Cornelia Aßmann „der Seele einen Schutzraum bieten“, sagt sie. Die Vorstellung, dass es überhaupt so etwas wie eine unsterbliche Seele gibt, ist dabei ein wiederkehrendes Element in all ihren Einsätzen. Wiederkehrend selbst bei Menschen, die sich zu keinem Glauben und damit zu keiner religiös gestützten Vorstellung von einer Seele bekennen. In den neuen Bundesländern ist das mit 74 Prozent immerhin die große Mehrheit. Auch die Mehrheit der Menschen, mit denen die Seelsorgerin in Berührung kommt, gehören keiner religiösen Gemeinschaft an.

Und trotzdem: „Ich habe schon mit Atheisten gearbeitet, die darum baten, das Fenster zu öffnen, damit die Seele des Verstorbenen nach draußen gelangen kann“, erinnert sich die Seelsorgerin. Sie erinnert sich an Witwen, die fragten ob ihr verstorbener Mann sie noch hören könne. An Kinder, die davon überzeugt waren, dass sie nun einen Teil der Seele des verunglückten Vaters in sich trügen. „Dieser Wunsch nach Unsterblichkeit der Seele ist immer da“, sagt sie. „Immer.“

Mit ihrem Ehrenamt bewegt sich Cornelia Aßmann damit entlang der „großen Fragen“ des Lebens. Antworten auf ähnlich große Fragen sucht sie derweil auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Theologie und Exegese des Alten Testamentes. Dort arbeitet sie derzeit an ihrer Habilitation. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit ist dabei ein ganz bewusster Ausgleich für die akademische Arbeit: „Ich arbeite den ganzen Tag mit Büchern“, beschreibt die Wissenschaftlerin ihre berufliche Praxis. „Mein Ehrenamt bietet mir zum Ausgleich die Möglichkeit, mit Menschen und deren akuten Bedürfnissen in Austausch zu kommen.“ Zwischen den großen Fragen der Theologie und einem Diensthandy mit Weiterleitung zur Rettungsleitstelle, leistet Cornelia Aßmann dabei selbst Großes, indem sie im Kleinen wirkt: an der menschlichen Seele in ihren wohl verletzlichsten Momenten.

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„Reading on Wheels“: Hannah Saley und Jhon Magkilat motivieren philippinische Straßenkinder zum Lernen https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/08/29/weltbeweger-reading-on-wheels/ Thu, 29 Aug 2019 06:39:03 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=882 Für die Kinder, die auf den Straßen von Cagayan de Oro, einer der größten Städte der Philippinen, leben, ist das Leben nicht einfach. Nicht wenige von ihnen landen in der Drogenabhängigkeit oder Prostitution. Hannah Saley und Jhon Mateo Magkilat, zwei... Weiterlesen →

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Für die Kinder, die auf den Straßen von Cagayan de Oro, einer der größten Städte der Philippinen, leben, ist das Leben nicht einfach. Nicht wenige von ihnen landen in der Drogenabhängigkeit oder Prostitution. Hannah Saley und Jhon Mateo Magkilat, zwei Studierende der Willy Brandt School of Public Policy an der Uni Erfurt wollten dagegen etwas unternehmen. Und gründeten 2015 das Projekt „Reading on Wheels“. Unterstützer fanden sie im Ateneo Diplomatic Corps und in Studierenden des International Studies Department der Xavier Universität, an der Jhon zuvor studiert hatte. Und auch das Preisgeld aus dem Commitment Award, den sie 2015 für ihre Projektidee gewannen, half dabei, sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Idee ist im Grunde denkbar einfach – nämlich, einen Wagen, gefüllt mit Büchern und Schreibmaterial auf die Straße zu bringen, der die Straßenkinder zum Lesen und Lernen motivieren und sie inspirieren soll, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. „Zugleich wollen wir mit dem Projekt nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Werte wie Respekt und Integrität“, erklärt Hannah Saley. Dafür war es aber zunächst wichtig, das Vertrauen der Straßenkinder zu gewinnen. Gelungen ist dies beispielsweise dadurch, dass eine Reihe von Freiwilligen, Studierende der Xavier Universität, den Kindern erst einmal nur vorgelesen haben. Mit durchschlagender Wirkung – das Projekt ist inzwischen deutlich gewachsen und wurde bereits in weiteren Gemeinden in der Region angestoßen.

„Darüber bin ich sehr froh“, sagt Jhon, der selbst aus Cagayan de Oro kommt und die Not vor Ort mit eigenen Augen gesehen hat. „Ich habe beobachtet, wie die Zahl der Straßenkinder stetig zunahm. Die Kinder verbrachten den ganzen Tag damit, zu betteln oder sich mit kleinen Gaunereien oder Drogen über Wasser zu halten. Aber diese Kinder könnten auch die zukünftigen Lehrer, Ingenieure, Ärzte, Anwälte oder Geschäftsleute der Welt sein, wenn sie nur die Chance hätten, zu lernen und ausgebildet zu werden.“ Und so nahmen Hannah und Jhon Kontakt zu den Studierenden der Xavier Universität auf, um sie als Freiwillige für ihr Projekt vor Ort zu gewinnen. Sie ließen sich nicht lange bitten, sodass die Erwartungen an „Reading on Wheels“ sogar weit übertroffen werden konnten.

„Im Grunde haben wir Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und gezeigt, dass man selbst etwas bewegen kann.“

Hannah Saley

Seit 2015 läuft die Initiative und wächst beständig. Inzwischen haben sich weitere Geldgeber wie z.B. die US-Botschaft in Manila, der Rotary Club und das Roten Kreuz gefunden, durch die das Projekt auch andere Regionen und die Küstengebiete erreichen konnte. „Wir haben damals einen Stein ins Rollen gebracht, der nach wie vor rollt“, sagt Hannah. „Im Grunde haben wir Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und gezeigt, dass man selbst etwas bewegen kann. Das macht uns zufrieden und natürlich auch ein bisschen stolz. Es ist ermutigend, zu wissen, dass wir mit dem Projekt einen kleinen Teil dazu beigetragen haben, das Leben der Kinder zu verbessern und ihnen Chancen zu eröffnen. Und auch für mich selbst ist unsere Initiative eine Bereicherung. Denn als wir mit der ganzen Sache angefangen haben, hatte ich nicht viel Erfahrung mit Projektsteuerung. Ich habe durch die Zusammenarbeit mit Jhon und unseren lokalen Partnern so viel gelernt. Ich würde sogar sagen, das ist eine Erfahrung, die einen wesentlichen Einfluss darauf hatte, wer ich heute bin.“ Jhon pflichtet ihr bei: „Es bereitet uns so viel Freude, zu sehen, dass unsere Idee Wirklichkeit geworden ist und immer weiter wächst. Das motiviert mich, noch mehr zu tun und vielleicht eines Tages meine eigene Stiftung oder gemeinnützige Organisation zu gründen.“ Und so hat der heute 29-Jährige auch schon neue Pläne: „Im Frühjahr erhielten wir die Nachricht, dass unser Projekt künftig auch vom US-Außenministerium und Gawad Kalinga, einer Bewegung zur Armutsbekämpfung auf den Philippinen, unterstützt wird, damit es weiter ausgebaut werden kann. Dadurch haben wir nun die Möglichkeit, ein Fahrzeug anzuschaffen, mit dem wir auch weiter entfernte Gemeinden und benachbarte Provinzen erreichen können. Darüber hinaus konnten wir ein Stück Land bekommen, auf dem Gemeinschaftshäuser gebaut werden und eine Art Drehkreuz für „Reading on Wheels“ errichtet werden könnte.“

Ob es auch Rückschläge gegeben hat, fragen wir Jhon und Hannah. „Ja natürlich gab es die. Zum Beispiel war es nicht leicht, dass Jhon in Deutschland lebt und ich in Kanada war. Ein Projekt auf diese Distanz zu managen, war schon eine Herausforderung. Die wir aber dank der großen Unterstützung der Studierenden vor Ort bewältigen konnten. Aber wir haben auch erlebt, dass Straßenkinder schlicht Angst davor hatten, unser Angebot wahrzunehmen, weil sie fürchteten, von der Kommunalverwaltung ‚eingesammelt‘ und in Fürsorgeeinrichtungen untergebracht zu werden. Von dort laufen aber viele der Kinder immer wieder weg, weil sie sich dort nicht wohlfühlen. Und so mussten wir zunächst eine Vereinbarung mit der lokalen Verwaltung treffen. Aber zum Glück ist uns auch das gelungen.“

„Mich hat immer wieder beeindruckt, dass die Kinder trotz ihrer schwierigen Lebenssituation so positiv in den Tag gehen.“

Jhon Mateo Magkilat

Wenn Jhon und Hannah über die vergangenen vier Jahre nachdenken, dann bleibt ihnen – so sagen sie – vor allem das Lachen der Kinder in Erinnerung, mit denen sie gespielt, gelesen und gelernt haben. Ihre Geschichten, ihre Träume. „‘Reading on Wheels‘ ist eine Brücke, die neue Beziehungen zwischen Studierenden und Straßenkindern geschaffen hat, zwischen zwei völlig entgegengesetzten sozialen Schichten, die plötzlich zu einer Gemeinschaft wurden“, sagt die 28-jährige Hannah. Und Jhon ergänzt: „Mich hat immer wieder beeindruckt, dass die Kinder trotz ihrer schwierigen Lebenssituation so positiv in den Tag gehen. In der Hoffnung, dass sie sich eines Tages aus ihrer Armut und Not befreien und ein gutes Leben führen werden. Da wurde mir klar, wie gesegnet und glücklich ich eigentlich selbst bin.“ Und auch Hannah hat das Projekt stark beeinflusst: „Zu sehen, wie sich eine Gemeinschaft durch eine solche Initiative im Positiven verändern kann, macht mich in gewisser Weise demütig. Ich habe erkannt, dass ich selbst dazu in der Lage bin, das Leben anderer zu verbessern, Haltung zu zeigen und Gutes anzustoßen. Mein Studium an der Brandt School hat mich auf diesen Weg geführt und dafür bin ich sehr dankbar.“

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Gleiche Chancen für Kinder und Jugendliche https://weltbeweger.uni-erfurt.de/2019/08/28/weltbeweger-marina-fischer/ Wed, 28 Aug 2019 10:32:46 +0000 https://weltbeweger.uni-erfurt.de/?p=874 Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche in Erfurt fördern – ein Anliegen, das Marina Fischer als Vereinsvorsitzende von „BaseMent e.V.“ zugleich Herzenssache ist. Seit 2015 engagiert sich die Studentin in dem Verein, der vier Jahre zuvor als Hochschulgruppe an... Weiterlesen →

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Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche in Erfurt fördern – ein Anliegen, das Marina Fischer als Vereinsvorsitzende von „BaseMent e.V.“ zugleich Herzenssache ist. Seit 2015 engagiert sich die Studentin in dem Verein, der vier Jahre zuvor als Hochschulgruppe an der Uni Erfurt gegründet wurde. „Nachdem ich ein Jahr studiert hatte und mittlerweile in Erfurt ‚angekommen‘ war, suchte ich nach einer Möglichkeit, mich zu engagieren. Ich wollte etwas machen, das über den Charakter eines Hobbys hinausgeht und der Gesellschaft etwas zurückgibt.“ Und mit BaseMent e.V. wurde sie fündig. Nicht nur die Aussicht darauf, Erfahrungen in Organisation und Koordination zu sammeln, sondern vielmehr das Konzept und Anliegen des Vereins überzeugten die heute 24-Jährige. „Ich fand es spannend, dass BaseMent mit dem Mentoring weit über Nachhilfe hinausgeht und mit dem Angebot die lokale Jugendarbeit in Erfurt aktiv mitgestaltet und bereichert.“ Die ehrenamtliche Tätigkeit gefiel Marina so gut, dass sie sich von Beginn an sehr stark engagierte und so bereits nach wenigen Monaten in den Vorstand gewählt wurde.

„Viele der Heranwachsenden kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und haben zu Hause niemanden, der ihnen zuhört. Mit unseren Mentoren möchten wir diese Lücke schließen.“

Marina Fischer, 1. Vorsitzende von BaseMent

Was der Verein genau leistet? „BaseMent vermittelt Studierende als Mentoren an Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren. Mentor bedeutet hierbei Nachhilfelehrer, Ansprechpartner oder manchmal auch einfach nur Freund“, erklärt Marina Fischer. Und diese Verbindung hat klare Vorteile für beide Seiten. Während die studentischen Mentoren Einblicke in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, der Organisation von Veranstaltungen oder auch Vereinsfinanzen erhalten, gewinnt der Mentee einen Ansprechpartner auf Augenhöhe, der neue Perspektiven aufzeigt und zudem seine Persönlichkeitsentwicklung fördert. „Einer unserer ‚Schützlinge‘ hat sich durch das Mentoring dazu entschieden, das Abitur zu machen, um danach zu studieren. Ohne die Einblicke ins Studentenleben des Mentors wäre das vorher wahrscheinlich keine Option gewesen“, erzählt Marina Fischer stolz. „Viele der Heranwachsenden kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und haben zu Hause niemanden, der ihnen zuhört. Mit unseren Mentoren möchten wir diese Lücke schließen“, erklärt die Vorsitzende, betont jedoch gleichzeitig: „Auch, wenn wir durch unsere verschiedenen Kooperationen eng mit Sozialarbeitern und Jugendhäusern zusammenarbeiten, bedeutet das nicht, dass nur Schüler aus einkommensschwachen Familien Mentee werden können – bei uns sind alle willkommen.“ Letzteres macht den Verein deutschlandweit besonders und ist u.a. ein Grund dafür, warum BaseMent schon zahlreiche Preise „abräumen“ konnte – u.a. den Engagement-Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie den renommierten Wilhelm-Dröscher-Preis. „Im Rahmen des ‚startsocial‘-Wettbewerbs durften wir zuletzt sogar Angela Merkel in Berlin treffen. Das war schon etwas Besonderes.“

Ob es bei all den positiven Erfahrungen auch mal Schwierigkeiten gibt? „Hin und wieder schon – zum einen ist die Finanzierung immer ein großes Thema, das wir durch die verschiedenen Preise und Spenden zu stemmen versuchen. Zum anderen sind wir auch schon beim Mentoring an unsere Grenzen gestoßen. Vom häufigen Wechsel der Mentoren über eine menschlich schlichtweg nicht passende Verbindung von Mentor und Mentee hin zu Extremfällen, wie z.B. häuslicher Gewalt, bei denen andere Instanzen herangezogen werden müssen.“ Aber dies sei natürlich nicht die Regel. Der Spaß an der Arbeit sowie das große Gemeinschaftsgefühl bei BaseMent überwiegt für Marina Fischer. Nicht umsonst investiert sie einen großen Teil ihrer Freizeit in die ehrenamtliche Tätigkeit, die mittlerweile auch schon Einfluss auf ihre beruflichen Vorstellungen genommen hat: „Durch BaseMent kann ich mir durchaus vorstellen, nach dem Studium in den sozialen Bereich zu gehen und bei einer Non-Profit-Organisation zu arbeiten.“ Im Idealfall könnte auch BaseMent selbst eine Perspektive bieten. Denn Marina Fischer und ihr Team haben noch einiges mit dem Verein vor: „Das Konzept unseres Mentorings lässt sich überall anwenden, wo es Studierende und Jugendliche gibt. Somit wäre es langfristig durchaus möglich, in weitere Städte zu expandieren, was jedoch eine feste Stelle nötig machen würde“, erklärt sie. „Und wenn ich auf diese Weise meine Leidenschaft zum Beruf machen könnte, wäre das schon ein Traum.“

Weitere Informationen

Webseite des Vereins
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Der Beitrag Gleiche Chancen für Kinder und Jugendliche erschien zuerst auf Weltbeweger.

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